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Kritik: Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (2012)


Der Wecker klingelt, lässt mich aus dem Schlaf aufschrecken. Es ist kurz nach 8:00 Uhr morgens, der gleiche Rhythmus, Tag ein, Tag aus. Was für alle Menschen auf diesem Planeten gilt, muss auch für den Filmkritiker gelten. Also: Ab nach Frankfurt, rastlos ins Kino gehetzt – eine Unterschrift, kurzer Small-Talk, und schon sitze ich im Kinosessel. Zwei Stunden später, Licht an, Tasche mitgenommen – raus aus dem Kino. Kurzer Diskurs über den Film, kleine Pause, ein paar wenige Notizen niedergeschrieben - dann folgt der zweite Film. Vorhang zu. Zug erwischen. Nach Hause. Kritiken schreiben.

Die Zeit ist knapper geworden. So wirkt es jedenfalls: Ein Thema, welches sich zum Gesellschaftsproblem, zur Volkskrankheit mausert und alle Teile der westlichen Zivilisation ansteckt. Dokumentarfilmer Florian Opitz, der sich selbst erste Symptome eines Burnout-Syndroms zuschreibt, macht sich in seiner Doku „Speed“ auf die Suche nach einer möglichen Ursache für die gefühlte Beschleunigung des Alltags. Woran liegt dieses ewige Hetzen, dieses 24/7 erreichbar sein und Konkurrenzdenken, welches uns im Hamsterrad der Weltwirtschaft gefangen hält?
Opitz begibt sich mit der Kamera auf eine Suche, die für ihn selbst zur beschleunigten und rastlosen Zeit zwischen den Kontinenten wird.

Der abgehetzte Dokumentarfilmer hat schon einige gesellschaftskritische Werke zu Stande gebracht. Ob „Blut für Öl“ oder „Der große Ausverkauf“ - Opitz ist bekannt für kritische Stellungsnahmen und das Aufzeigen unbequemer Wahrheiten.

Seine Dokumentation „Speed“, eingeteilt in drei Kapitel, zeichnet sich vor allem zu Beginn durch eine sehr persönliche Sicht aus. In den ersten 30 Minuten handelt „Speed“ vor allem von Opitz selbst, wie er sich im Zyklus der Zeitraffer betrachtet und wie er selbst für sich einen Ausweg aus dem Hamsterrad finden will. Erst deutlich später entwickelt sich „Speed“ zu einer universellen Dokumentation, die zahlreiche Menschen befragt und im naiv-vereinfachten Stil der „Sendung mit der Maus“ sehr neutral gehalten und perspektivisch gefächert viele Stimmen zu Wort kommen lässt. Ob eine Beratungsunternehmerin, die gerade einmal eine 30-minütige Autofahrt Zeit hat, bevor sie den nächsten Termin einhalten muss und damit unbeabsichtigt das Thema auf den Punkt bringt oder Aussteiger aus dem Hamsterrad, die aufzeigen, wie sie ihre Gewinne aus ihrem früheren Berufsleben nun für die Umwelt ausgeben, um den Planeten zu retten. Durch die Sicht auf viele Länder und Kontinente entsteht ein sehr ausgeglichenes und neutrales Bild, welches den Zuschauer verstehen lässt, dass Regisseur Opitz mit seiner Doku kein politisches Statement abgeben will, sondern von der Aussichtsplattform seines eigenen Problems immer größere Kreise zieht, um damit das universelle Hamsterradproblem zu ergründen.

Besonders stark ist die Inszenierung, die den 100-minütigen Abenteuertrip zu einem sehr unterhaltsamen, kurzweiligen und spannenden Unterfangen macht. Mit Großaufnahmen und Zeitraffer findet Opitz tolle Bilder, die das ständig in Bewegung stattfindende Leben in all seiner zyklischen Kuriosität zeigen. Besonders die Bilder aus Tokio, die einerseits den Menschen in seiner Hast als organische Maschine zeigen, anderseits die Schnelligkeit des Lebens ironisch auf den Punkt bringt, zeugt vom filmischen Geschick des Regisseurs.
Dennoch verlässt sich der Filmemacher bei weitem nicht nur auf die Kraft seiner Bilder sondern lässt auch Professoren, Experten und Intellektuelle zu Wort kommen, die Gründe für die Beschleunigung des Alltags ermitteln, Prognosen abgeben und somit dem Film einen sehr wissenschaftlichen Ton verleihen.
Diese Mischung – persönliches Interesse des Regisseurs, welches die Sympathie des Zuschauers fördert, gepaart mit einer wissenschaftlichen und neutralen Herangehensweise an das Thema - macht „Speed“ zu einem unterhaltsamen, wie nachdenklichen Film, der zu Diskussionen einladen wird. Besonders die Ironie, mit der der Film auch mit eigenen Widersprüchen umgeht, machen ihn zu einer ausgezeichneten Doku. Dabei bearbeitet Opitz als bekennender linker Filmemacher sein Thema überraschend fair und mit einem sehr präzisen Auge für die versteckten Probleme der Gesellschaft. Einen phantasievollen Lösungsansatz birgt der Film ebenso.

Fazit: Wo ist unsere Zeit geblieben? „Speed“ ist eine neutrale und intelligente Doku, die sich, modern und spannend inszeniert, der Suche nach Gründen für die (gefühlte) Beschleunigung unseres Alltags widmet und den Zuschauer zum Nachdenken anregen wird. Sehr sehenswert!





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