VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Operndorf Afrika
Operndorf Afrika
© Perfect Shot Films GmbH

Kritik: Knistern der Zeit - Christoph Schlingensief und sein Operndorf inBurkina Faso (2012)


Der deutsche Film- und Theaterregisseur, Aktionskünstler und Talkmaster Christoph Schlingensief zählte bis zu seinem Krebstod im August 2010 zu den bedeutendsten aber auch umstrittensten Künstlern im deutschsprachigen Raum. Als Filmemacher wurde er Ende der Achtziger Jahren mit provokanten Werken wie "100 Jahre Adolf Hitler" oder "Das deutsche Kettensägenmassaker" schlagartig berühmt. Und kontrovers diskutiert. Im Laufe der Jahre entwickelte er sich trotz oder gerade wegen seiner streitbaren Kunst zu einem der profiliertesten Künstler Deutschlands, der auch am Theater große Erfolge feierte. Schlingensief arbeitete an den großen Staats- und Stadttheatern in Wien, Berlin, Zürich und Frankfurt und inszenierte von 2004 bis 2007 bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth seine höchst umstrittene Version des "Parsifal", begleitet von einem riesigen Medieninteresse.

Einige Jahre vor seinem Tod begann er mit der Arbeit an seinem wohl größten, ambitioniertesten Projekt: Schlingensief hatte die Vision von einem Operndorf in Burkina Faso, einer Kunststätte mitten in der westafrikanischen Savanne. Seit Mai 2009 arbeitete Schlingensief an der Realisierung des schier unmöglichen Vorhabens, das der Dokumentarfilm "Im Knistern der Zeit" nun auf sensible, intensive Weise porträtiert. Der Fernsehrjournalistin und Regisseurin Sibylle Dahrendorf gelingt mit ihrem Film ein ausführlicher und intimer Einblick in das letzte große Projekt von Christoph Schlingensief, der die Fertigstellung des Dorfes nicht mehr miterlebte. 2011, ein Jahr nach seinemTod, wurde das Projekt Wirklichkeit: Sein Traum von einer kulturellen Begegnungsstätte in Afrika wurde wahr und es entstanden neben dem Festspielhaus als Zentrum der Anlage auch ein Sportplatz, eine Krankenstation und eine Schule.

"Knistern der Zeit" beginnt mit wackeligen Aufnahmen einer Handykamera, die Christoph Schlingensief in den Straßen von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, zeigen. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich das Projekt, das von Regisseurin Dahrendorf von diesem Zeitpunkt an chronologisch verfolgt und begleitet wird, noch am Anfang. Der Zuschauer wird Zeuge der Planung sowie der schrittweisen Umsetzung und Realisierung des Vorhabens, das von Schlingensief zu jedem Zeitpunkt mit Akribie und Eifer vorangetrieben wird. Und stets ist die Kamera allgegenwärtiger Begleiter: etwa, wenn der Künstler und sein Team im Mai 2009 den richtigen Ort für Ihr Dorf in der afrikanischen Steppe suchen, bei Gesprächen mit wichtigen Politikern in Ouagadougou oder auch bei Regiearbeiten zu dem Stück "Via Intolleranza". Dieses Stück studierte Schlingensief mit europäischen und afrikanischen Künstlern in der Hauptstadt ein, bevor es anschließend u.a. in Wien und München aufgeführt wurde. Der Zuschauer wird somit hautnah Zeuge der Fortschritte beim Bau und lernt darüber hinaus einen Schlingensief kennen, dem man in jeder Szene anmerkt, wie viel ihm die Verwirklichung seines Traumes bedeutet.

Entsprechend emotional und affektiv kommt der bedeutende Regisseur und Künstler daher, etwa wenn er euphorisch und fasziniert von der afrikanischen Steppe mit seinem Architekten die Möglichkeiten des künftigen Bauplatzes auslotet oder wie er voller Leidenschaft versucht, die verantwortlichen Regierungsvertreter von seinem Vorhaben zu überzeugen. Dann wiederum zeigt "Knistern der Zeit" aber auch immer wieder einen ernsten und bedrückten Schlingensief, dem allmählich bewusst wird, dass er die Vollendung des Dorfes selbst wohl nicht mehr miterleben wird. Schlüsselmomente des Films sind demzufolge auch diejenigen Szenen, die den todkranken Künstler dabei zeigen, wie er seine Mitarbeiter voller Wut und Ungeduld unter Druck setzt, da ihm die Bauarbeiten nicht schnell genug gehen. Dahinter verbirgt sich der überlebensgroße Wunsch, das Projekt noch selbst zu Ende zu bringen. Diese Tatsache macht den Film zu einem besonders emotionalen Erlebnis für den Zuschauer: Er nimmt nicht nur an der Entstehung des Dorfes teil, sondern erlebt auch einen genialen Künstler, der im Angesicht des Todes sein letztes und wichtigstes Projekt zu beenden versucht.

"Knistern der Zeit" ist eine emotionale, intensive und berührende Dokumentation über einen großen Künstler und sein letztes großes Projekt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.