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Kritik: Gnade (2010)


Wie lebt man mit Schuld? Maria (Birgit Minichmayr) und Niels (Jürgen Vogel) sind mit ihrem jugendlichen Sohn Markus (Henry Stange) vor einigen Monaten in den Norden Norwegens nach Hammerfest gezogen. Im Vorspann ist zu erfahren, dass es ein Neuanfang – eine zweite Chance – für die Familie werden soll. Zuvor war Niels als Ingenieur viel unterwegs, hat Maria betrogen und sie haben ihre Liebe irgendwie im Alltag verloren. Doch schon wenige Monate nach ihrer Ankunft in Norwegen läuft alles weiter wie gehabt. Niels betrügt Maria mit seiner hübschen Kollegin Linda (Ane Dahl Torp), in der Familie gibt es nur noch wenige Gespräche. Dann hat Maria eines nachts auf dem Rückweg von einer Doppelschicht als Krankenschwester in einem Hospiz einen Unfall, bei dem sie "etwas" anfährt. Sie hält kurz an, blickt auf die Straße, steigt aber nicht aus, sondern fährt weiter. Dennoch hat sie Angst. Zuhause gesteht sie Niels den Unfall, der noch einmal zum Ort des Zusammenpralls fährt, aber nichts entdeckt. Sie vermuten, sie hoffen, dass Maria ein Tier überfahren hat. Aber dann erfahren sie aus der Zeitung, dass ein 16-jähriges Mädchen aus dem Ort angefahren wurde und gestorben ist. Niels will zur Polizei, aber Maria wehrt ab. In einer von Birgit Minichmayr großartig gespielten Szene überzeugt sie ihn, dass sie sich nicht der Polizei stellen kann. Sie führt aus, dass sie das ihrem Sohn nicht antun können, da er immer nur der wäre, dessen Mutter das Mädchen getötet hat. Und auch an Niels würde etwas haften bleiben. Außerdem ist sie doch eigentlich ein guter Mensch. Hierbei gelingt es Birgit Minichmayr, deutlich erkennen zu lassen, wie viel Kraft es Maria kosten wird, mit dieser Selbstlüge weiter zu leben.

Ausgerechnet aus diesem dunklen Geheimnis wächst neues Vertrauen und ein neuer Zusammenhalt zwischen Maria und Niels. Während Maria die Grenzen von Gut und Böse neu definieren muss, erkennt Niels, dass er seine Frau nicht alleine lassen kann – und trägt ebenfalls schwer an seiner Schuld, das Mädchen nicht rechtzeitig gefunden zu haben. Konsequent verzichtet Matthias Glasner in seinem Familiendrama auf Einwirkungen von außen, sondern jegliche Taten entspringen der Familie. Ihre Seelenlage wird gespiegelt durch die großartige Landschaft des polaren Norwegens. Dabei nutzt Matthias Glasner die große Leinwand, um sein Drama zu erzählen und konzentriert sich doch auf das Seelenleben seiner Figuren, die hervorragend besetzt sind.

Sicherlich hat der Film Längen, alleine die kurzen Sequenzen, die Markus mit seinem iPhone aufnimmt, tragen kaum etwas zur Handlung bei. Auch erscheint letztlich die titelgebende "Gnade" fast unwahrscheinlich, ja, unwirklich. Aber dieses Drama lässt den Zuschauer nachdenken über Schuld und Vergebung, über die Frage, ob jedem Glück ein Unglück folgt, ob ein Glück, das unter unrechten Umständen erworben wurde, seinen Preis einfordern wird - oder ob es letztlich nicht schon Strafe genug ist, mit einem Glück zu leben, das aus einer solchen Schuld hervorgegangen ist.

Fazit: Schuld und Vergebung stehen im Mittelpunkt von Matthias Glasners großartig gespieltem Familiendrama, das die Landschaft Norwegens als Seelenbilder einsetzt. Inhaltlich kontrovers – und sehenswert.





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