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Sarahs Schlüssel - Poster
Sarahs Schlüssel - Poster
© Die FILMAgentinnen © Camino

Kritik: Sarahs Schlüssel (2010)


Die Rafle du Vel‘ d’Hiv ist ein dunkles Kapitel der französischen Geschichte, über die bis zu einer Rede von Jacques Chirac im Jahr 1995 meistens geschwiegen wurde. Bei der Radrennbahn-Razzia erfolgte am 16. und 17. Juli 1942 durch die französische Polizei, die dem Vichy-Regime unterstellt war, eine Massenverhaftung in Paris. Fast 13.000 Juden, darunter über 4000 Kinder, wurden festgenommen und in dem Vélodrome d’Hiver zusammengepfercht. Es gab keine Toiletten, kaum Nahrung und Wasser. Nach fünf Tagen wurden die Erwachsenen über verschiedene Lager nach Ausschwitz deportiert, Ende August wurden auch die Kinder in Vernichtungslager geschickt.

Von diesem Ereignis erzählt Gilles Paquet-Brenner in seiner Verfilmung des Bestsellers "Sarahs Schlüssel" von Tatiana de Rosnay auf zwei Ebenen. Im Paris des Jahres 1942 wird die zehnjährige Sarah Starzynski (Mélusine Mayance) mit ihren Eltern zur Deportation aus der Wohnung geholt. Sie will ihren kleinen Bruder schützen und versteckt ihn in einem abschließbaren Wandschrank. Außerdem nimmt sie ihm das Versprechen ab, dass er dort auf sie wartet. Den Schlüssel nimmt sie mit – und ahnt nicht, welches Schicksal ihr bevorsteht. Über 60 Jahre später recherchiert die amerikanische Journalistin Julia Jarmond (Kristin Scott Thomas) für einen Artikel über die Tragödie der Radrennbahn Vélodrome d´hiver. Dabei entdeckt sie, dass eine Familie aus der Wohnung vertrieben wurde, die seit Jahrzehnten der Familie ihres Mannes Bertrands gehört. Es ist Sarahs Familie – und fortan ist Julias Suche nach der Wahrheit mit Sarahs Schicksal verknüpft.

In der ersten Hälfte des Films sind die beiden Zeitebenen der Handlungen gut verwoben. Während das Schicksal von Sarah bewegt, sind Julias Nachforschungen spannend und sprechen viele Themen an: die oftmals verdrängte Mittäterschaft der Franzosen, das Wissen der vermeintlich Ahnungslosen, den Umgang mit der Schuld und der Wahrheit. Doch dann mischen sich in Julias Geschichte und ihren zunehmend selbstgerechten Umgang mit der Wahrheit ihre privaten Probleme – sie bemerkt, dass sie schwanger ist und muss sich entscheiden, ob sie mit über 40 noch ein Kind bekommen will, auch um ihre Ehe steht es nicht gerade gut. Doch angesichts des Schicksals, mit dem Sarah zu leben hat, sind Julias Probleme trivial. Und könnte sie sich angesichts des Holocausts überhaupt gegen das Kind entscheiden? Spätestens an diesem Punkt wird Sarahs Geschichte zu einem Vehikel für Julias Selbstfindung. Dazu trägt weiterhin bei, dass der interessanten dritten Geschichte um Sarahs Sohn William (Aidan Quinn) zu wenig Raum gelassen wird. Dieser Erzählstrang hätte eingeleitet werden müssen, indem Williams Leben nicht nur geschildert, sondern in Bilder gefasst wird.

Gegen diese erzählerischen Schwächen können auch die Schauspieler nur wenig ausrichten. Kristin Scott Thomas ist gewohnt gut, sie meistert ihren zweisprachigen Part mühelos. Niels Arestrup als Sarahs Ziehvater überzeugt mit herzlicher Schroffheit und Mélusine Mayance spielt Sarah mit Entschlossenheit und Tapferkeit. Stattdessen hätte eine stärkere Fokussierung auf die Titelfigur ausgereicht, um aus „Sarahs Schlüssel“ einen bemerkenswerten Film zu machen. Aber so verbleibt er ein pathetischer Film über zwei Frauen, die durch eine furchtbare Schuld verbunden sind.

Fazit: "Sarahs Schlüssel" behandelt ein wenig bekanntes Kapitel der französischen Geschichte, will aber leider zu viel erzählen. Dank der guten Schauspieler und der gelungenen ersten Hälfte ist er dennoch sehenswert.




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