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Kritik: Drachenmädchen (2012)


„Ich will wieder auf die Schule“, sagt die erst neunjährige Xin Chenxi und fügt hinzu: „Ich werde Papa vermissen, wenn ich in die Schule fahre.“ Gerade hat sie ihre kurz bemessenen Ferien bei ihrem Vater verbracht, nun kehrt sie zurück. Zurück in die Kung-Fu Schule. Mit gerade einmal sieben Jahren betrat sie das erste Mal die Mauern von „Shaolin Tagou“, eine Karate-Schule, angesiedelt im der zentralasiatischen Provinz Henan. Nun ist sie eine von 26.000 Schülern, die direkt neben dem Shaolin Tempel, den Ursprungstempel des Kung Fu, jene Sportart wie ein Berserker trainiert.
Etwa Widersprüchliches schwebt in ihrer Aussage mit. Genau identifizieren kann man es nicht. Naiv und kindlich wirken die Worte aus ihrem Mund, doch ungewohnt erwachsen und ernst sind ihre Augen. Mit Hingabe erzählte sie bei dem ersten Besuch von Regisseur Inigo Westmeier von der Prinzessin und dem Drachen, eine Märchengeschichte, die sie mit glühenden Lächeln vorträgt. Nun, ein Jahr später, sagt sie etwas anderes: „Kindheit bedeutet: Kinder haben Feiertage, an den Feiertagen ist man glücklicher“. Ein Widerspruch, der sich auf eine gesamte Gesellschaft übertragen lässt. Jene Worte könnten aus dem Mund eines zynischen Erwachsenen kommen oder von einem kindheitslosem Mädchen, dessen Alltag in klare Stationen unterteilt ist: 5:40 Uhr, 7:30 Uhr, 8:50 Uhr, 11:50 Uhr, 18:20 Uhr, 20:30 Uhr. Oder auch anders. Aufstehen, Training, Drill, Kämpfen, Bestrafung, Essen, Training, Demütigung, Studium, Schlafen. Für Kindheit ist nicht viel Platz. Was sie mal werden will? Prinzessin? Nein. Sie weiß, was wie werden will. Sie wird Soldatin.

Insgesamt stellt Regisseur Westmeier bewusst drei Mädchen in den Mittelpunkt seiner Dokumentation. Von einer Ausreißerin erzählt er, von einem Findelkind, welches bei Wildfremden in einem T-Shirt und einen Schild mit der Aufschrift „20 Tage alt“ abgegeben wurde, von einer Schweigsamen, die ihre Gefühle, wie vorgegeben, nicht zeigt. „Tränen sind Ausdruck von Unfähigkeit“, sagt sie. Wer ihr das wohl tausendmal vorgebetet hat? Das beeindruckende Wunder bei all den faschistoiden Tendenzen: Westmeier gelingt inmitten staatlicher Überwachung und totaler Kontrolle während seiner Interviews hinter die in Stein gemeißelte Fassade junger, chinesischer Mädchen zu blicken. Indoktriniert wirken die Antworten der Mädchen und dennoch haben sie den Mut und einen Rest Individualismus, um ihren Gefühlen, wenn auch nur in kleinen Nuancen, Ausdruck zu verleihen. Westmeiers Dokumentation ist, möge es auch unfreiwillig sein, nicht nur ein Blick auf den mikrokosmischen Sport Kung-Fu und ihre Schule, sondern ein umfassender Blick auf das makrokosmisch gesellschaftliche Leben in China. Aus „Drachenmädchen“ kann man auf die gesamte chinesische Gesellschaft schließen. Eine erschreckende Dokumentation, die unter die Haut geht.

Zu keiner Zeit zeigt Regisseur Westmeier mit einen Finger in eine Richtung, zu keiner Zeit benötigt er künstliche Zusätze, um seinen Film populistisch aufzuwerten. Zu keiner Zeit kommentiert er. Sein Inszenierungsstil erinnert an einen kühlen, nur in wenigen Momenten aufbrausenden Stil, der bewusst schnörkellos das Gesagte der beteiligten Personen bebildert. Er fängt ein, was es einzufangen gibt. So zum Beispiel die eröffnende Sequenz, die beispielhaft für das Selbstbild Chinas steht. Bereits 2009 unternahm Westmeier seine ersten Recherchen, musste dann aber zwei Jahre warten, bis chinesische Behörden, staatliche Einrichtungen und Studios dem Vorhaben zustimmten. Doch für die mit einem aufwendig installierten Kran gedrehte Aufnahme, die tausende männliche Schüler zeigt, die eine monströse Choreographie, so wie jede Woche, aufführen, verlief alles problemlos. Es ist schließlich die Zurschaustellung chinesischer Grundwerte in ihrer Extreme. Der Zuschauer dankt. Auch wenn dieser nicht weiß, ob er, angetan von der ungemeinen Wucht jener Machtdemonstration, klatschen oder wegen der faschistischen Tendenzen dieses „Reichsparteitags-Feeling“ aufschreien soll. Das Bild ist gewaltig, besonders weil es der Regisseur versteht, die Totale geschickt mit kleinen Nahaufnahmen zu kombinieren. Westmeier hat nicht nur ein Auge für die Massen, sondern für das einzelne Gesicht eines in rot gekleideten Jungen, dem die Anstrengung und gleichzeitige Züchtigung minutiös vom Gesichtsausdruck abzulesen ist. Kleine Roboter. Unter der Oberfläche schlummern ihre Gefühle.

Fazit: Es ist der kritische Blick auf das gesellschaftliche Treiben in China, auf welches die Machthaber auch noch stolz sind. So muss Westmeier eigentlich nur die Kamera laufen lassen: Seine Interviewpartner demaskieren sich – und wie sollte es anders sein – auf widersprüchliche Art und Weise selbst. Es zeigt, wie verankert in China diktierte Emotionslosigkeit ist. „Drachenmädchen“ berührt, verärgert, lässt verzweifelt und schockiert zurück.





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