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Für Elise
Für Elise
© farbfilm verleih

Kritik: Für Elise (2011)


Die 15-jährige Elise muss für ihre Mathearbeit lernen. Doch bei all dem Lärm den ihre Mutter veranstaltet, kann sie sich kaum konzentrieren. Im Wohnzimmer nebenan herrscht Chaos, die verwitwete Betty schmeißt eine ihrer tausend Partys.

Was sich nach einer ziemlich verkehrter Welt anhört, bildet den Kern von Wolfgang Dinslages Familiendrama "Für Elise". Statt der Mutter, die wegen ihrer pubertierende Tochter noch bis spät in die Nacht mit Kummer und Sorgen wartet, ist es die junge Elise, die ihre Mutter Betty immer wieder ermahnen muss, die Rechnungen zu bezahlen, nachts nicht so spät nach Hause zu kommen und nicht mehr so sehr dem Alkohol zu erliegen.

Elise ist der aufgezwungenen Rolle nicht gewachsen, sie steckt nicht nur mit ihren Gefühlen zwischen den Fronten, sondern auch was die Reife ihres Körpers angeht. Als aus der Zweier-Geschichte eine Dreiecks-Beziehung wird, indem Radioreporter Ludwig in das Leben der beiden Frauen trifft, verschärft Autorin Erzsebet Raczihr Drehbuch weiter und kann sich dafür ehren lassen, dass sie ihrem kalten Realismus treu bleibt. Regisseur Dinslages vermag es, diese Gefühle in einer fröstelnden Ruhe einzufangen. .

Ein sehr rauer, kalter und ganz und gar harter Wind weht durch den Film, der aus einer hochkomplizierter Mutter-Tochter-Geschichte in all ihrer eigentlich bizarren Umkehrung der Rollenverteilung kein Kuriositätenkabinett entstehen lässt. Der Inszenierungsstil wirkt dabei nicht so kalt oder gar düster, wie es die Handlung vermuten ließe. Die Bilder sind meist Licht geflutet, ohne jedoch als krasse Kontrastierung durchzugehen.
Zwar fängt Dinslage die Stimmung und die brodelnde Atmosphäre in weiten Strecken ein,er vermag es aber nicht immer, die Gefühle der Figuren auf die Leinwand zu projizieren. Dafür aber besitzt er ein sicheres Händchen in Bezug auf Pathos und Kitsch. Sehr sensibel versteht er es, Szenen den Überschwang zu nehmen und installiert starke Schnitte, um nicht nur möglichen Pathos den Stecker zu ziehen, sondern zugleich auch auszudrücken, dass viele Emotionen zwischen den Bildern stattfinden, statt sie plakativ zu zeigen. Darin liegt dann auch der größte der Reiz der Inszenierung, die ansonsten teils zu glatt wirkt, als das sie auf die Quintessenz der Handlung passen würde.

Die junge Jasna Fritzi Bauer, die als Nachwuchsdarstellerin die isolierte Elise spielt, sollte man nach ihrer Leistung in Dinslages Film unbedingt im Auge behalten. Der kompliziert angelegte Charakter, der mal hochnäsig arrogant daher stolziert, um im nächsten Moment ungemein Schutz suchend in all ihrer kindlichen Verzweiflung alleine im Raum zu stehen, erfordert ungemeine schauspielerische Präsenz um den Sprung vom Kind zur Erwachsenen, von Schuldgefühlen zur Wut genauestens darzustellen. Fritzi Bauer vermag diese Leistung schon jetzt abzurufen. Von Regisseur Dinslages alles abverlangt, wird sie zur größten Entdeckung des Films.
Ein weiterer ausgezeichneter Darsteller findet sich mit Hendrik Duyn als Familienvater Ludwig. Wie auch für die von Christina Grosse gespielte Mutter Betty, deren Charakter als akoholsüchtige Rabenmutter einen fast stereotypen, vorhersehaberen Weg geht, stellt sich beim Zuschauer fast so etwas wie Verständnis ein - auch wenn das hochdramatische Finale für ungeheuer viel Zündstoff sorgen wird. Denn der Regisseur scheut gemeinsam mit seinen Drehbuchautoren keine Tabubrüche, die - auch wenn sie nicht gänzlich vollzogen werden - auch in ihren Ansätzen für ungemeine Spannung und Unannehmlichkeiten beim Zuschauer sorgen werden.

"Für Elise" ist ein eindeutig harter Brocken deutsches Kino, liegt schwer im Magen und ist in keinster Weise ein Produkt für leichte Gemüter. Dinslages geht keiner Katastrophe aus dem Weg und die Wellen schlagen mitunter höher, als es die Zuschauer erwarten. Insgesamt aber ist es die Authentizität des Charakterdramas und die fabelhafte Darstellung der drei Schauspieler, die diesem kalten Stück deutschen Kinos Leben geben – auch wenn die Liebe an vielen Enden der Geschichte fehlt.

Fazit: Eine sehr kalte, raue deutsche Produktion: "Für Elise" ist ein starker, aber schwerverdaulicher Brocken, der seinen Reiz im Realismus findet und von den Schauspielern fabelhaft transportiert wird. Kalt, bitter und ganz ohne Pathos. Ein Ausrufezeichen.




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