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Der mit den Fingern sieht - Plakat
Der mit den Fingern sieht - Plakat
© MusOna Filmproduktion

Kritik: Der mit den Fingern sieht (2010)


Esref Armagan ist Maler. Am liebsten malt er Landschaften oder Blumenwiesen, über die farbenfrohe Schmetterlinge fliegen. Doch er malt auch im Auftrag - ein Porträt von und für Bill Clinton, eine Kopie des im New Yorker Moma hängenden Matisse-Gemäldes "Der Tanz" für eben jenes New Yorker Museum of Modern Art...
Wie jetzt, eine Kopie?
Nun, Armagan ist nicht nur Maler - er ist auch blind. Und die Kopie eines Gemäldes, hergestellt von einem Blinden - dem einzigen bekannten blinden Maler weltweit, der sowohl das Original als auch seine Kopie nie sehen, sondern nur ertasten konnte - das ist ohne Frage museumsreif. Und natürlich ist die Lebensgeschichte des Mannes auch filmreif:

Nach eigener Aussage hat Armagan mit etwa vier Jahren gemerkt, dass er anders ist als andere. Dass ihm immer gesagt wird, wo jene Dinge stehen, nach denen er gerade greifen will - anderen jedoch nicht. Ein Jahr später bestätigte ein Arztbesuch die vollständige Blindheit des Jungen. Durch Medikamente, die seine Mutter in der Schwangerschaft eingenommen hatte, war ein Auge komplett verkümmert. Das zweite könnte nach der Geburt noch eine minimale Sehfähigkeit gehabt haben, ist allerdings reichlich unwahrscheinlich, da jene Gehirnareale, die bei gesunden Menschen optische Eindrücke verarbeiten, bei ihm mit dem Tastsinn verknüpft sind. Entsprechend ist sein Gehirn gar nicht darauf ausgelegt, optische Eindrücke zu verarbeiten - statt dessen "sieht" Armagan tatsächlich mit den Fingern. Und genau so malt er auch. Angefangen hat er, der nie eine Schule besucht hat, mit Bildern, die er mit einem Stock in den Sand oder mit einem Messer in Pappe ritzte, so dass er die Linien ertasten konnte. Sehende, insbesondere seinen Vater, bat er um Rückmeldung. Später, als sein Tastsinn geschulter war, stieg er auf Fingerfarben um. Die benutzt er heute noch für seine erstaunlich naturalistischen und farbenfrohen Bilder. Er ließ sich den Zusammenhang von Licht und Schatten erklären und lernte die Farben von unterschiedlichen Gegenständen auswendig. Wie alles in seiner Wohnung stehen auch die Farben in seinem Atelier in einer festen Reihenfolge geordnet. Ohne diese Ordnung wäre er aufgeschmissen. Ohne Frage: das Leben eines Blinden, insbesondere eines blinden Malers, erfordert höchste Konzentrationsfähigkeit und so einige intellektuelle Anstrengungen.

Die Doku von Savas Ceviz macht dies nachvollziebar, indem sie Armagan und seiner (ebenfalls blinden) Frau durch alltägliche Situationen, wie etwa einen Marktbesuch, aber auch zu Arztbesuchen, neurologischen Untersuchungen, Vorträgen folgt, wichtige Lebensstationen nachzeichnet und die biographischen Informationen mit Erklärungen für sein künstlerisches Talent verknüpft. Auch die von Armagan selbst entwickelte Maltechnik, die seine Kunst erst möglich macht, wird erläutert. Daneben kommen Weggefährten zu wort - Ehefrau, Agentin und Ärzte, die weitere Hintergründe liefern. So liefert sie eine verständliche Erklärung für ein nahezu unglaubliches, weltweit einzigartiges Phänomen.

Fazit: Sehenswerte Doku, die ein weltweit einmaliges, für gesunde Sehende nur schwer zu verstehendes Phänomen nachvollziehbar macht.




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