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As Time goes by in Shanghai
As Time goes by in Shanghai
© Neue Visionen

Kritik: As Time goes by in Shanghai (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"As time goes by in Shanghai" von Dokufilmer Uli Gaulke huldigt der "Peace Old Jazz Band", der ältesten Jazz-Band der Welt. Ähnlich wie das große filmische Vorbild, "Buena Vista Social Club", ist das neue Werk von Gaulke zugleich unterhaltende und informative Dokumentation. Gaulke begleitet die Musiker bei den Vorbereitungen und Proben für ein niederländisches Jazz-Festival, dazwischen porträtiert er die sechs Musiker, indem er sie von ihrem langen, ereignisreichen Leben berichten lässt. "As time goes by Shangai" ist eine charmante Dokumentation mit viel Gespür für die Protagonisten geworden, ohne jedoch die Qualität von Musik-Dokus wie "Buena Vista Social Club" oder Scorseses Stones-Film "Shine a light" zu erreichen. Das liegt zum einen an der fehlenden Professionalität der Musiker, andererseits aber auch an der Entscheidung von Gaulke, die Jazzer über weite Strecken des Films ausschließlich bei den Proben zu zeigen.

Die "Peace Old Jazz Band", die älteste Jazz-Band nicht nur Chinas, sondern der ganzen Welt, besteht aus: Pianist Jingyu Zhang (73), Trompeter Mengqiang Lu (53), Kontrabassist Mingkang Li (77), Schlagzeuger Zhengzhen Bao (93), Saxophonist Jibin Sun (80) und Altsaxophonist Honglin Gao (71). Das Durchschnittsalter der Band beträgt 53 und vom "Guinness-Buch der Rekorde" erhielten sie es Schwarz auf Weiß, die Ältesten ihrer Art zu sein. Seit mehr als 30 Jahren treten die Musiker Abend für Abend im edlen Peace Hotel in Shanghai auf und erfreuen die Zuhörer, die von überall herkommen, um die Band beim Intonieren bekannter Jazz-Standards zu beobachten. Alle Mitglieder haben spannende Lebensgeschichten zu berichten und deren Biographie ist eng mit der Geschichte Shanghais im 20. Jahrhundert verbunden. Ihre Berichte aus dieser längst vergangenen Zeit sind hochinteressant und machen einen entscheidenden Reiz dieser Dokumentation aus.

So berichten die Musiker von den Anfängen des chinesischen Jazz im Goldenen Zeitalter der Weltstadt Shanghai, von der Besatzung durch Japan, der Machtübernahme der Kommunisten Ende der 40er-Jahre oder davon, wie es gelang, über all die Jahrzehnte als Band zu bestehen. Auch von der bevorstehenden Konzertreise nach Europa erzählt der Film und verbindet damit gekonnt Vergangenheit und Gegenwart. Dabei inszeniert Regisseur Gaulke die Jazz-Band gekonnt vor der imposanten, beeindruckenden Kulisse Shanghais mit seinen gewaltigen Wolkenkratzern und der berühmten Skyline. Wenn die in die Jahre gekommene Band dann vor dieser modernen Kulisse ihre alten Jazz-Nummern auspackt, stellt sich zwangsläufig ein angenehmes Gefühl von melancholischer Nostalgie ein.

Schade ist jedoch, dass Gaulke seinen Beobachtungen der Band bei den Vorbereitungen für das Festival in den Niederlanden deutlich zu viel Zeit einräumt. Der Fokus von "As time goes by in Shanghai" liegt daher klar auf den Proben, aber auch auf den Erwartungen und den Ängsten, die mit der bevorstehenden Reise nach Europa verbunden sind. Die Konzentration auf die überaus reizvollen Lebensgeschichten der Musiker sowie auf die Verquickung von Geschichte und Musik bzw. Kultur im Leben der Männer, wäre sinnvoller gewesen. Auch merkt man den Musikern deutlich an und selbst als Jazz-Laie fällt auf, dass es sich bei der "Peace Old Jazz Band" nicht um eine professionelle Gruppe handelt. Sie sorgen bei ihrem Engagement in dem Shanghaier Hotel demnach auch für nicht mehr als nette Hintergrundbeschallung. Demnach sind die im Film zu hörenden Stücke auch kein musikalischer Hochgenuss von außerordentlicher Qualität sondern lediglich nettes, kuscheliges Beiwerk. Sympathisch ist der Film dennoch ohne Frage.

Fazit: Sehenswerte, ansprechende Doku über die älteste Jazz-Combo der Welt, die spannende Einblicke in die wechselvolle Geschichte Chinas des 20. Jahrhunderts liefert. Die Entscheidung des Regisseurs, den Schwerpunkt des Films auf die Proben zum bevorstehenden Festival in Europa zu legen, erweist sich jedoch als Mangel.




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