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Guilty of Romance - Poster
Guilty of Romance - Poster
© Rapid Eye Movies

Kritik: Guilty of Romance (2011)


Der japanische Filmemacher Sion Sono zählt zu den bedeutendsten asiatischen Regisseuren der vergangenen Jahre. Mit "Guilty of Romance" schließt er nun seine sogenannte "Hass-Trilogie" ab, die er 2008 mit dem vierstündigen Liebes-Epos "Love Exposure" begann. Der zweite Teil – "Cold Fish" von 2010 – lief erfolgreich auf mehreren großen Festivals und wurde international euphorisch aufgenommen. Sonos Filme lassen sich nur schwer einem Genre klar zuteilen und sind visuell, inhaltlich und stilistisch alles andere als leichte Kino-Kost. War es in "Cold Fish" noch ein Mann, der gewaltsam aus gesellschaftlichen Konventionen ausbrach, widmet sich Sono hier nun ganz der weiblichen Identitätssuche und dem Versuch, sexuelle und emotionale Grenzbereiche auszuloten. Sono erzählt drei Geschichten über drei verschiedene Frauen, die auf der Suche nach sexueller Befreiuung und Befriedigung allesamt mit bürgerlichen Normen brechen. Das Ergebnis ist ein undefnierbarer Mix aus Thriller, Drama, Episodenflm und Softporno mit drastischen, zum Teil schwer verdaulichen Bildern, der sich in erster Linie für Sono- und Arthouse-Fans eignet.

Izumi (Megumi Kagurazaka) ist die gelangweilte Ehefrau eines kleinlichen Autors von kitschigen Liebesromanen (Kanji Tsuda). Als sie eines Tages von einer Model-Agentin angesprochen wird, hofft sie, ihrem tristen Hausfrauen-Alltag endlich entkommen zu können. Doch das Foto-Shooting, zu dem sie erscheint, entpuppt sich als Porno-Dreh - sehr zur Freude von Izumi, die an sich neue Seiten und die Lust am Verbotenen entdeckt. Das geht sogar soweit, dass sie beginnt, in Tokios Rotlichtviertel ein Doppelleben als Prostituierte zu führen. Fortan ist sie tagsüber die fürsorgliche Hausfrau, nachts schläft sie mit Fremden und lässt sich von ihrer Mentorin, der Literatur-Dozentin Mitsuko (Makoto Togashi), in die Abgründe der Prostitution einführen. Eines Tages wird in Tokio die grausam zugerichtete Leiche einer jungen Frau gefunden. Die attraktive Kommissarin Yoshida (Miki Mizuno) beginnt zu ermitteln, die selbst einer geheimen, lustvollen Leidenschaft frönt.

"Guilty of romance" beginnt gleich mit einer der radikalsten Szenen: Dem Fund der grausam entstellten und fürcherlich zugerichteten Leichen in einem finsteren Hinterhaus. Für Kommissarin Yoshida ein Schock. Die in einzelne Teile zerhackten Körper wurden mit Teilen von Schaufensterpuppen zu einem bizarren "Kunstwerk" verbunden. Regisseur Sono macht somit gleich am Anfang deutlich, dass "Guilty of Romance" nichts für Zartbesaitete ist und die Schockmomente vor allem durch die kompromisslosen, extremen Bilder hervorgerufen werden sollen. Die radikale Bildsprache behält Sono bis zum Ende bei. In fünf Kapiteln erzählt der gefeierte Regisseur auf bizarre Art und in eben jenen extremen, zum Teil äußerst brutalen Bildern von dem Versuch der drei Frauen, aus ihrem bürgerlichen, "normalen" Leben auszubrechen. Er versucht klarzumachen, dass sexuelle Bedürfnisse und Wünsche zunächst einmal nichts unnatürliches und verwerfliches sind. Vielmehr kommt es darauf an, auf welche Art und Weise man dieses Verlangen auslebt. Und Sonos Figuren leben es in vollen Zügen und auf drastische Art aus. Die Protagonistinnen geben ihren Trieben nach und Sono verzichtet nicht darauf, das sexuelle Treiben auch dem Zuschauer zu präsentieren. Er konfrontiert ihn mit Hardcore-Sex unter der Dusche, auf der Supermarkt-Toilette und in diversen Hotelbetten. Die drei Darstellerinnen verschmelzen dabei förmlich mit ihren Rollen und liefern allesamt eine darstellerische Glanzleistung ab. Vor allem aber sticht Megumi Kagurazaka als unterdrückte Hausfrau heraus. Ihre Verwandlung von der verschüchterten, demütigen Frau zum hemmungslosen Sex-Vamp ist beeindruckend.

Die Frauen in Sonos Film stammen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Da ist die untergebene, biedere Hausfrau, die verheiratete, selbstbewusste Polizistin und schließlich die angesehene Literaturprofessorin. Alle Frauen begeben sich auf ihre individuelle Art auf einen zerstörerischen Selbstfindungstrip aus Sex, Lust und unterdrückten Bedürfnissen. Jedoch macht Sono es dem Zuschauer mit der verschachtelten Erzählweise und den damit zusammenhängenden Sprüngen durch die verschiedenen Episoden auch nicht gerade leicht, seinem Mosaik aus Thriller, Drama, Episodenfilm und Softporno stets zu folgen. Trotz der gewagten Sexszenen kommt es zudem spätestens ab der Hälfte zu ersten Abnutzungserscheinungen. Die krasse Bilderflut aus hemmungslosem Koitus und sexueller Gewalt wirkt nach einer gewissen Zeit schlicht ermüdend und verlangt dem Zuschauer darüber hinaus einiges an Sitzfleisch ab – der Film hat eine Laufzeit von über 140 Minuten. "Guilty of romance" ist ein Film für Zuschauer die wissen, was sie beim Namen Sion Sono erwartet: brutale, bizarre Bilder, die nur schwer zu ertragen sind und eine verschachtelte, komplexe Erzählweise. Für einen gemütlichen Filmabend zu zweit eignet sich der Film sicher nicht.

Fazit: "Guilty of Romance" ist ein außergewöhnliches Filmexperiment in verstörenden Bildern und mit brutalen, drastischen (Sex-) Szenen.





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