Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Der Müll im Garten Eden - Hauptplakat
Der Müll im Garten Eden - Hauptplakat
© Pandora Film

Kritik: Der Müll im Garten Eden (2012)


Für Regisseur Fatih Akin könnte die Entstehungsgeschichte seines neuesten Films "Müll im Garten Eden" wahrscheinlich genug Anekdotenstoff für die nächsten Partyunterhaltungen bedeuten: Der türkischstämmige Regisseur reiste 2005 für eine Bob Dylan-Biographie spontan in die Türkei und bereiste jenes Dorf, aus dem Dylans Großmutter kam - zufällig genau das Dorf, aus dem auch Akins Vorfahren stammen. Auf der Spurensuche nach seinen Vorfahren entdeckte Akin das wunderschöne Dorf "Camburnu", Nach eigenen Angaben fand er dort das Paradies. Die Dorfanwohner pflichteten ihm bei, erklärten dem Regisseur aber auch, dass über dem Dorf eine Mülldeponie gebaut werden sollte. Die Bewohner waren verärgert und besorgt: Vor den möglichen Problemen war gewarnt worden, gar vor Gericht ging der Fall, doch das Dorf und sein Bürgermeister sollten das umstrittene Vorhaben nicht verhindern können.
In Akin war der Gerechtigkeitssinn geweckt und so kam es schließlich zu der Drohung, eine Dokumentation über die Entstehung der Mülldeponie zu drehen. Doch die Drohgebärde brachte nichts - und Akin hielt sein Versprechen. Nach über fünf Jahren stellt er sein Projekt "Müll im Garten Eden" vor – eine Zufallskomposition, ohne Skript, Idee oder Drehbuch. Ein Prozess-Dokumentarfilm, ein Sprachrohr, ein unverfälschter Blick auf einen der größten Umweltskandale in der Türkei.

Man darf hoffen, dass der Film in Deutschland die nötige Aufmerksamkeit erhalten wird, weil das Mahnmal gegen Umweltverschmutzung und Plädoyer für mehr Zivilcourage nicht nur eine umweltpolitische Doku ist, sondern auch eine Gesellschaft abseits der großen Metropolen porträtiert. Im Gegensatz zu standardisierten Polit-Dokumentationen wurde das im Film dokumentierte Problem bereits bei seiner Entstehung gefilmt - ohne, dabei einem übergeordnetem Ziel zu folgen. Dadurch erhält der Zuschauer einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Mülldeponie - und das nicht nur durch die Augen von Akins favorisiertem Kamermann Herve Dieu. Auch dem Dorffotographen Bünjamin Seyrekbasan, der nach einem Kamera-Crash-Kurs zu den brenzligsten Situationen geschickt wurde, gelangen sensationelle Aufnahmen, etwa wenn streitsüchtige Dorfanwohner in hitzigen Debatten mit Vertreten der verantwortlichen Firma oder Regierungsmitgliedern eingefangen werden, wodurch die Zuschauer nicht nur die Courage, Leidenschaft, aber auch die Wut der Bürger zu sehen bekommen, sondern auch die sich im Gespräch mit den Bürgern windenden Verantwortlichen.

Akin konzentriert sich in der Doku zwar sehr auf die Dorfbewohner, lässt aber auch die Gegenseite zu Wort kommen und lässt sie damit - unabsichtlich - ins offene Messer laufen. In lahmen Ausreden offenbaren die Verantwortlichen Halbwissen und vollkommene Inkompetenz, und ebenso demaskierend ist der blanke Zynismus, mit dem diese Halbwissenden die Probleme mit der Mülldeponie abtun. Dabei kommentiert Akin keine einzige seiner Szenen, einzig die Beteiligten lässt er zu Wort kommen.

Allerdings funktioniert die Dokumentation nicht nur auf der sprachlichen Ebene, über die Aussagen der Beteiligten: Mit seinem Sinn für Bildsprache gelingt Akin eine für sich sprechende Doku, die alleine über die Kraft der Bilder für genug Aufmerksamkeit im Publikum sorgen wird. Denn wenn im Vordergrund schwarz gefärbte Müllsuppe vor sich hin blubbert, während im Hintergrund noch die letzten grünen Flecken des ehemaligen "Paradieses" zu sehen sind, dann braucht Akin keine Worte oder gar Erklärungen.

Und ganz nebenbei wird dann auch noch die türkische Gesellschaft abseits von großen Metropolen wie Ankara oder Istanbul unter die Lupe genommen, die der Film mit all ihren Konflikten zwischen Jung und Alt, zwischen traditioneller Religion und Moderne zeigt.
Akin porträtiert unterschiedliche Bewohner der 2000 Seelen Gemeinde, bezieht sich dabei aber immer auf die Umweltkatastrophe, wenn er die Auswirkungen der Mülldeponie auf die verschiedenen Personen zeigt. In vielen Interviews, Geschichten und kleinen Episoden offenbart sich eine Gesellschaft, die nicht zur gängigen deutschen Vorstellung von der Türkei passen will. Mit einem gehörigen Schuss Witz und Ironie und einem großveranlagten Sinn für Gerechtigkeit, zeigt sich die Bevölkerung der Türkei in diesem Film deutlich demokratischer, als gängige Vorurteile unterstellen.
Insofern gelingt Akin mit seiner Dokumentation nicht nur die Offenlegung eines der unglaublichsten Umweltskandale der Türkei sondern ganz beiläufig auch die Präsentation eines anderen, eher unbekannten Gesichts des Landes.

Fazit: Fatih Akins als Zufallsprodukt begonnener, nach fünf Jahren fertig gestellter Film über einen der größten Umweltskandale der Türkei ist sowohl politisches Sprachrohr für eine entrüstete Bevölkerung, als auch neutrales Gesellschaftsporträt. Unbedingt sehenswert!





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.