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In ihrem Haus - Hauptplakat
In ihrem Haus - Hauptplakat
© Concorde

Kritik: In ihrem Haus (2012)


Wenn sich die Spannung an ihrem Siedepunkt bewegt, wenn sie kaum noch auszuhalten ist, die Fingernägel bis aufs Nagelbett herunter gekaut, die schwitzigen Hände unzählige Male unruhig geknetet wurden, dann hat Fernsehen erreicht, was es wollte: Die größtmögliche Hingabe des Zuschauers, die maximale Konzentration auf das Medium. Zack: Der Cliffhanger ist da, ein schwarzer Bildschirm folgt und ein "To be continued" vertröstet sein Publikum auf nächste Woche. Und natürlich: Wir schauen weiter. Egal wie hanebüchen die Sache eigentlich ist.
Genau wie bei François Ozon neuestem Film "In ihrem Haus". Der französische Regisseur, der seit seinem internationalen Durchbruch mit "8 Frauen" zu den angesehensten Filmemachern des Landes gehört, lässt seine Zuschauer mitfiebern, aufstöhnen, ja gar aufschreien, so spannend ist sein Psycho-Thriller. Ozon beweist damit nicht nur, dass er die unterschiedlichsten Genres beherrscht – sein letzter Film "Das Schmuckstück" konnte als Komödie die Herzen der Zuschauer gewinnen – sondern auch, dass er ein nahezu perfekter Geschichtenerzähler ist, der es versteht, sein intelligentes und doch so simples Drehbuch um eine ungewöhnliche Männerbeziehung so nervenaufreibend wie clever auf Zelluloid zu bannen. Der Filmemacher lässt den deprimierten Französischlehrer Germain sagen: "Ein guter Schriftsteller muss seinen Leser für die abwegigsten Figuren interessieren". Und genau das schafft Ozon mit "In Ihrem Haus“

Ja, Ozon vermag es, seinen Zuschauer auf die Folter zu spannen. Mit Überraschungen gespickt, weitet sich "In ihrem Haus" mit seinem furiosen letzten Akt, der restlos überwältigend und schwer verdaulich auf seinen Zuschauer ergossen wird, zu einem gewaltigen Thriller. Ozon charakterisiert seine Figuren bis ins Detail und belässt sie doch gleichsam in tiefster Dunkelheit. Geheimnisse, offene Fragen und Merkwürdigkeiten prägen diese Männerbeziehung, die schnell ein Spiel aus Macht, Kontrolle und Manipulation entfachen.
Besonders die Darsteller können hier brillieren. Ernst Umhauer, der den jungen Claude spielt, gelingt es, eine zwiespältige Mimik an den Tag zu legen, die den Vorgaben des Regisseurs genau entsprechen. Kaum ein Dialog zwischen Umhauer und dem Charakterdarsteller Fabrice Luchini vergeht, in der nicht dieses widerspenstige, angespannte Verhältnis zu spüren ist.

"Fortsetzung folgt" lautet der letzte Satz jedes Briefes, den Lehrer Germain von seinem talentierten Schüler Claude erhält. Gemeinsam mit seiner Frau Jeanne saugt er schnell jede Zeile dieses so sonderbaren Aufsatzes auf. Und so wie Germains Interesse an seinem Schüler steigt, hat auch der Zuschauer als "Schlüssellockgucker" zweiter Ebene viel Spaß an den Schreibkünsten. Ozon geht es vor allem um den voyeuristischen Charakter in der Geschichte, über die Selbstentblößung intimster Gedanken und die gleichzeitige Manipulation durch Schrift und Text.

Schnell verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, schnell weiß man nicht mehr, was an Claudes Schilderungen über seinen Freund und dessen "Mittelklassefrau" seinen Träumen entspringt, was der Wahrheit. Dann entwickelt sich mit rasanter Geschwindigkeit ein Psycho-Thriller aus dem weder der Zuschauer, noch Germain einen Ausweg findet. Diese Mehrgliedrigkeit in der Beobachterposition spielt Ozon mit Leichtigkeit aus, weil er mit nötiger Stilsicherheit seine so simple, wie fesselnde Geschichte nahezu grandios zu erzählen vermag. Dabei spitzt sich das Verhältnis zwischen dem Lehrer und seinem Schüler, wie zwischen Claude und der bespitzelnden Familie immer weiter zu, verändert die Charaktere – und bringt dabei Lieblingsthemen des Regisseurs zum Vorschein. Denn wie so oft in Werken von Ozon geht es um Liebe, Sex und Eifersucht. Und wenn die Spannung am Kochen ist: "Fortsetzung folgt"

Fazit: Ozon erzählt in seinem grandios spannenden Psychothriller eine dieser Geschichten, die sich so unwahrscheinlich, wie magisch, so spannend, wie abstoßend anhören, von denen wir aber nicht genug bekommen und setzt damit die Zuschauer bis zur letzten Minute unter Strom.




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