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Die Kunst seine Schuhe selbst zu schnüren
Die Kunst seine Schuhe selbst zu schnüren
© MFA Film

Kritik: Die Kunst sich die Schuhe zu binden (2011)


1996 begann Pär Johansson, Betreuer eines Tagesprojekts für geistig behinderte Menschen im schwedischen Hudiksvall, eine Theatergruppe zu leiten, um so den behinderten Menschen eine Möglichkeit aus der Isolation einer streng geleiteten Arbeitsgruppe zu ermöglichen. Nach jahrelangem Kampf gegen Vorurteile und dogmatische Haltungen konnte die ins Leben gerufene Theatergruppe sich durchsetzen. Bis heute räumt sie Preise ab und tritt am Broadway auf. Eine verblüffend starke menschliche wie soziale Haltung, die es groß zu erzählen gilt.

Die filmische Würdigung der Leistung von Johansson und seinem Team hat nun Regisseurin Lena Koppel in ihrer freien Interpretation "Die Kunst sich die Schuhe zu binden" übernommen. Mit ihrem Film versucht Koppel auch auf die weiterhin bestehenden Probleme im Umgang mit behinderten Menschen einzugehen. Denn noch immer wirken manche der gut gemeinten Arbeitsgruppen tüchtiger Sozialhelfer und Pädagogen auf behinderte Menschen wie Isolationshaft in einer geschlossenen und abgegrenzten Welt. Ein wichtiges Thema, welches leider – und das ist im Falle einer solch magischen, wie einzigartigen Geschichte doppelt gravierend – unter der falschen Prämisse in Angriff genommen wurde. Von Anfang an legt Koppel ihren Schwerpunkt fälschlicherweise auf die Hauptfigur Alex und dessen Entwicklung vom Loser zum Helden legt und nicht auf die Entwicklung der Gruppe behinderter Menschen. Ein folgenschwerer Fehler, denn eigentlich müsste die Regisseurin klar machen, dass der Film gerade nicht von den Psychosen eines richtungslosen Vorstadtchaoten handeln soll, sondern von jenen Problemen auf die er stößt, als er die fünf freundlichen, aber eigenwilligen Behinderten kennenlernt.
Durch den falschen Schwerpunkt aber kommen für den Zuschauer nie jene existenziellen Probleme zum Tragen, mit denen die Behinderten tagein, tagaus zu kämpfen haben. Die Theatergruppe aus einer provinzialen Vorstadt wirkt im Rahmen des Plots nur wie ein Mittel zum Zweck - nämlich zu dem Zweck, dass Alex sein Leben und die angeknackste Beziehung zu seiner Freundin wieder in den Griff bekommt.

Alex' Entwicklung vom eigenwilligen und immer zu spät kommenden Amateurbetreuer, der den Job nur unter der Vorraussetzung einer eigenen Wohnung angenommen hat, hin zum fürsorglichen Freund und Helfer ist gespickt mit Auf- und Abs, die vom einfachen Rüffel der Chefin hin zu standesamtlichen Diskussionen über den Umgang mit Behinderten reichen und dabei jeden ausgekauten Klemmbrettsatz über das Leben mit Behinderten in den Raum wirft, den man im Glückskeksformat von sich geben kann. Und nicht nur ist der Plotverlauf trivial konstruiert, auch die Dialoge sind holprig und die Inszenierung mit Spielereien wie übertriebenen Zeitlupenaufnahmen passen nicht recht zum Thema.

Gelungen ist hingegen, wie die Regisseurin zu Beginn des Films das Unbehagen der Hauptfigur im Umgang mit den behinderten Menschen auf die Kinogänger zu übertragen weiß, denn im gleichen Maße wie sich die Haltung der Hauptfigur im Verlauf des Films verändert, wachsen auch bei den Zuschauern Akzeptanz und Mitgefühl für die behinderten Menschen. Mit Ausnahme von Alex, der von einer konventionellen Situation zum nächsten Kitschanfall stürzen muss, wachsen einem die Figuren regelrecht ans Herz.
Aber dadurch, dass der Zuschauer niemals wirklich die Emotionen und den Kampf der Gruppe für ihr Theatervorhaben teilen darf, bleibt ein fahler Beigeschmack, der dazu führt, dass der Film letztlich nicht mehr als mittelmäßige Ware abgibt, die zwar für einige Schmunzler sorgt, den Themenkreis Krankheit, Freiheit, Selbstbesimmung aber mehr schlecht als recht bedient.

Fazit: Leider nur Mittelmaß, denn statt den Fokus auf die Probleme der behinderten Menschen zu legen, kreist Regisseurin Koppel viel lieber um ihren konventinellen Hauptdarsteller. So erweckt die Tragikomödie den Endruck, dass die Behinderten nur als Mittel zum Zweck benutzt werden.




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