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Familientreffen mit Hindernissen
Familientreffen mit Hindernissen
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Kritik: Familientreffen mit Hindernissen (2011)


Familientreffen sind ja immer so eine Sache. Jeder kennt sie und jeder musste schon mindestens einmal die Schwierigkeiten und die brodelnden Spannungsverhältnisse aushalten, die durch familiäre Zusammenkünfte entstehen. Für viele ein unlösbares Rätsel: Nur wegen einem Nachnamen sitzen unzählige Menschen, die sich im besten Falle ein wenig verstehen und mögen, zu bestimmten Feiertags-Zeiten auf Zwangsgrundlage zusammen. So jedenfalls fassen es Skeptiker negativ zusammen. Für andere wiederum geht nichts über die Familie – da ist Blut dicker als Wasser – der Zusammenhalt das höchstes Gebot. Wie auch immer man das familiäre Zusammensein interpretiert: Die Geschichte, die uns Julie Delpy in ihrem neuen Film "Familientreffen mit Hinternissen" erzählt, kann jeder Zuschauer auf seine Weise nachvollziehen und nachfühlen. Delpy lässt auf teils makabere Weise Menschen aufeinander knallen, die einer so großen Spannung ausgesetzt sind, dass familiäre Grundtugenden mal schnell über den Haufen geworfen werden. Dass auch der Zuschauer durch ihr neuestes Werk mit einem inneren Spannungsverhältnis konfrontiert wird, liegt an den vielen guten, wie schlechten Einfällen der Regisseurin. Einerseits quält sie den Zuschauer durch mühselige Sequenzen, die den relativ harmlosen Plot unnötig in die Länge ziehen, andererseits genießt der Zuschauer die fabelhaften Rededuelle zwischen den angespannten Protagonisten, die von der Regisseurin geschickt wertfrei gezeigt und somit als ein gelungenes Portrait eines Generations- und Weltbildkonflikts fungieren, welches sich im Jahre 1979 wohl unzählige Male abgespielt hat. Ein zwielichtiges Spiel mit diesem Film – fast schon wie bei der Familie.

"Familientreffen mit Hinternissen" besitzt seine besondere Stärke in der spannenden Betrachtungssicht. Seit Michael Hanekes Gesellschaftsporträt "Das weiße Band" weiß der Zuschauer, welche sonderbare Wirkung die Perspektive eines unschuldigen Kindes auf komplizierte Entwicklungen in der Gesellschaft hat. Auch Delpy nimmt sich dieser Sichtweise an – und zeigt die verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen zum Ende der 80iger Jahre durch die Sicht der jungen Albertine. Auch für Pädagogen hat der Film somit seinen Reiz: Durch die Verhaltensweisen der Kinder machen sich die Erziehungsmethoden der unterschiedlichen pädagogischen Ansichten bemerkbar. Ob es die konservativen Haltungen einiger Tanten und Onkel sind, die ihre Söhne mit Schlägen terrorisieren und vor allem verbieten, statt zu erlauben oder die liberale Haltung der beiden Elternteile von Albertine: Jede Aktion hat seine Reaktion und jedes Kind wirkt wie ein Abbild seiner Eltern. Besonders zynisch zeigt sich dieses Bild im schlussendlichen Finale des Films, in der sich der Kreis der Geschichte schließt und dabei eine höhnische aber ehrliche Botschaft über die links-liberale Bewegung der feministischen Jahre in den 60iger und 70iger Jahre sendet. Hier bündeln sich die größten Stärken des Films, der es schafft die brodelnden Konflikte innerhalb der Familie zunächst nur anzudeuten, um sie schließlich zur Explosion zu bringen. So bestimmen die ironische Botschaften den Kern des Films, der ansonsten für viele in die Kategorie "Nett aber sinnlos" abdriften dürfte.

Neben den vielen Konflikten innerhalb der Familie spielen Themen wie Rassismus, Kriegsverarbeitung, Psychosen, Abhängigkeiten, politische Einstellungen und aufeinander prallende Weltbilder eine sehr große, übergeordnete Rolle, die man in jedem Dialog mithören kann. So macht sich "Familientreffen mit Hindernissen" nicht unbedingt durch eine Überladung an lustigen Gags einen Namen, sondern durch spärlich gesäte, aber dafür unglaublich kräftige Dialogwitze, die immer wieder so platziert sind, dass sie dem Zuschauer vor lauter bizarrer Boshaftigkeit den Atem zum Lachen raubt. Albertines Eltern bilden dabei den absoluten Höhepunkt, die neben linksgerichteten Hetztiraden und wüsten Erziehungsmethoden ihre Tochter eigentlich ganz anders erziehen wollen, als es ihre Eltern getan haben. Geprägt werden diese vielen Illustrationen und Bilder durch den neutralen Blickwinkel der Regisseurin, die die Dilemmata der Figuren neutral und kommentarlos zeigt und somit dem Zuschauer die Aufgabe überlässt über die Figuren zu urteilen. Hier erinnert der Film sehr an Jonathan Demmes "Rachels Hochzeit", der ein ebenso auseinanderbrechendes Familienfest mit einer kargen Inszenierungsstil kombinierte.

Gleichzeitig erkrankt "Le Skylab" an den vielen Szenen, die in ihrer Form schön zu betrachten sind, aber durch fehlend Aussagekraft kaum einen Platz im Konstrukt des Plots finden und dadurch kaum mehr als dröge Laufzeitverlängerer sind. Zu sehr hält sich die Regisseurin hier mit Nebensächlichkeiten auf ohne die bestehenden Konflikte wirklich auf den Punkt oder sogar zur Kernschmelze zu bringen. So entwickelt sich Delpys Werk zu einem langatmigen Film, der zwar durch die fabelhafte Ausstattung und das sensationelle Setting der späten 70iger Jahre ein wunderbares und authentisches Porträt über die damalige Zeit erzählt, aber kaum greifbare Inhalte rüberbringt. Für 113 Minuten ist das Drehbuch, welches sich komplett auf die Figur der jungen Albertine stürzt, zu mager um als packender und wirklich ergreifender Film durchzugehen. So reicht auch die zynische Schlusspointe der Geschichte nicht aus, um den halbgaren Handlungsverlauf aufzufangen. Das Zeitgefühl, das Konfliktpotenzial und auch die Atmosphäre einer aufregenden Zeit wird deutlich – aber sie wird nicht so ausgereizt, wie man es von einem solchen Film erhoffen dürfte. Dafür hat dann Julie Delphy doch nicht das Format, um ihrem schnörkellos inszeniertem Drama mehr Reife zu verleihen.

In "Familientreffen mit Hindernissen" ist auch der Zuschauer Hindernissen ausgesetzt. Einerseits porträtiert das Drama die späten 70iger mit all ihren Strömungen und Konflikten einfühlsam und wertneutral - gleichzeitig entwickelt sich der Film durch einen mageren Plot zu einem langatmigen Ableger von "Nett, aber sinnlos".





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