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Die Mama und die Hure (1973)

La maman et la putain

Jean Eustaches "Die Mama und die Hure“ ist ein Film über die Verheißung von Freiheit und die Müdigkeit, die ihr oft folgt – ein radikales Gesprächsdrama, das aus Eifersucht, Selbsttäuschung und emotionaler Abhängigkeit seine eigentliche Spannung gewinnt.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 5 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 4.0 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 1 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Alexandre (Jean-Pierre Léaud) lebt im Paris der frühen 1970er Jahre auf Kosten seiner älteren Freundin Marie (Bernadette Lafon), verbringt seine Tage in Cafés, diskutiert über Politik, Literatur und das Leben und drückt sich auffällig beharrlich vor jeder Form von Verantwortung. Als er die Krankenschwester Veronika (Françoise Lebrun) kennenlernt, beginnt eine Affäre, die in eine komplizierte Dreiecksbeziehung mündet. Was zunächst wie das Versprechen freier Liebe wirkt, entpuppt sich bald als Kreislauf aus Eifersucht, Selbsttäuschung und emotionalen Abhängigkeiten. Äußere Handlung gibt es dabei erstaunlich wenig; stattdessen entfaltet sich das Drama fast ausschließlich in Gesprächen, Monologen und langen Momenten des Ausharrens.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse5 / 5

"Die Mama und die Hure“: Wenn Freiheit zur Erschöpfung wird

Es ist bemerkenswert, wie entschieden Jean Eustache sich gegen jede Form klassischer Liebesgeschichte stemmt. "Die Mama und die Hure“ interessiert sich weniger für Handlung als für Sprache, weniger für Ereignisse als für die Selbstinszenierungen seiner Figuren. Genau daraus bezieht der Film seine eigentümliche Spannung: aus dem dauernden Reden, dem Ausweichen, dem Rechtfertigen und dem allmählichen Zerbröseln jener großen Begriffe, mit denen sich Alexandre und die anderen ihre Beziehungen schönreden.

Im Zentrum steht Alexandre, gespielt von Jean-Pierre Léaud mit jener Mischung aus Charme, Geschwätzigkeit und unübersehbarer Selbstverliebtheit, die ihn zugleich faszinierend und anstrengend macht. Er ist kein klassischer Verlierer, eher ein Mann, der sich im Reflektieren eingerichtet hat und gerade dadurch handlungsunfähig wird. Bernadette Lafont als Marie und Françoise Lebrun als Veronika sind ihm dabei keineswegs bloß Gegenpole, sondern die eigentlichen emotionalen Träger des Films. Vor allem Lebrun verleiht Veronika eine Intensität, die weit über das hinausgeht, was die Figur zunächst zu versprechen scheint.

Gerade ihr berühmter Schlussmonolog gehört zu den Momenten, in denen der Film seine größte Wucht entfaltet. Hier zerlegt Eustache die schönen Wörter der sexuellen Befreiung mit schonungsloser Klarheit. Was zuvor als Offenheit, Leichtigkeit oder modernes Lebensmodell erscheinen mochte, kippt in eine bittere Diagnose über Machtverhältnisse, Zuschreibungen und die Schwierigkeit, in Beziehungen wirklich frei zu sein. Der Film ist an dieser Stelle nicht nur sehr präzise, sondern auch erstaunlich hart.

Man muss sich allerdings auf diese Form des Erzählens einlassen. Wer eine klassische Dramaturgie oder einen Film mit deutlicher Entwicklung erwartet, wird an den dreieinhalb Stunden vermutlich eher reiben als genießen. Eustache arbeitet mit langen Gesprächen, wiederholten Argumentationen und Szenen, in denen scheinbar wenig geschieht. Doch gerade diese Zurücknahme macht den Film so eigen. Aus der sprachlichen Überfülle entsteht eine merkwürdige Wahrhaftigkeit; man hat oft das Gefühl, Menschen zuzusehen, die sich durch ihr Reden entlarven, ohne es zu merken.

Auch formal bleibt der Film beeindruckend kontrolliert. Die kontrastreiche Schwarzweißfotografie verleiht Paris eine zeitlose, beinahe melancholische Schwere. Die langen Einstellungen lassen den Figuren Raum, während der Verzicht auf Filmmusik den Eindruck verstärkt, als bewege man sich mitten in einem dokumentarisch beobachteten Alltag. Eustache vertraut vollständig auf seine Darsteller — und gerade deshalb funktioniert der Film so gut. Léaud, Lafont und Lebrun tragen ihn nicht nur, sie halten ihn auch in seinen ausufernden Momenten zusammen.

So ist "Die Mama und die Hure“ weit mehr als ein Relikt der Post-68-Zeit. Der Film stellt Fragen nach emotionaler Verantwortung, Geschlechterrollen und dem Unterschied zwischen theoretischer Freiheit und gelebter Wirklichkeit, die bis heute erstaunlich aktuell geblieben sind. Sicher, er verlangt Geduld und Konzentration. Aber wer sich auf seinen Rhythmus einlässt, erlebt ein ebenso kluges wie kompromisslos persönliches Werk, das sich tief in die Erinnerung einprägt.

Fazit: Ein sperriges, faszinierendes Meisterwerk, das mehr diskutiert als erzählt und gerade dadurch seine besondere Intensität gewinnt. Die Wiederaufführung macht deutlich, warum Jean Eustache längst wieder als einer der großen Autoren des französischen Kinos wahrgenommen werden sollte.




Besetzung & Crew von "Die Mama und die Hure"

Land: Frankreich
Weitere Titel: The Mother and the Whore
Jahr: 1973
Genre: Drama
Originaltitel: La maman et la putain
Länge: 217 Minuten
Kinostart: 16.07.2026
Regie: Jean Eustache
Darsteller: Geneviève Mnich, André Téchiné, Françoise Lebrun, Bernadette Lafont, Marinka Matuszewski
Kamera: Pierre Lhomme
Verleih: Grandfilm



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