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Ich reise allein
Ich reise allein
© Neue Visionen

Kritik: Ich reise allein (2011)


Das Leben des Studenten Jarle Klepp besteht aus Partys, Literaturtheorie und Affären. Doch dann erhält er einen folgenreichen Brief: Er ist Vater einer fast siebenjährigen Tochter. Mit der Mutter hatte er einen One-Night-Stand und sie hat ihm nie erzählt, dass er Vater ist. Aber nun will sie sich eine Auszeit nehmen, also soll er sich um Charlotte Isabel (Amina Eleonora Bergrem) kümmern! Jarle ist alles andere als begeistert, schon der Name erscheint ihm als Symbol des spießigen Bürgertums. Aber er hat keine Wahl und muss sich den neuen Umständen fügen. Also holt er Lotte vom Flughafen ab. Doch er ist nicht bereit, sein Leben auch nur ein wenig zu ändern. Schließlich muss er einen wichtigen Artikel über Marcel Proust schreiben. Für seine Tochter bleiben nur eine Matratze im Arbeitszimmer und der Fernseher, in dem sie die Beerdigung von Prinzessin Diana verfolgen kann. Damit glaubt Jarle, seine Pflicht erfüllt zu haben. Er kommt gar nicht auf die Idee, sich mit seiner Tochter zu beschäftigen, sondern ignoriert sie mehr oder weniger. Als ihn dann auch noch seine Freundin verlässt, bringt er seine Tochter zu einer Nachbarin und geht mit seinen Freunden auf Sauftour. Er vergisst sie regelrecht. Auch Lotte ist nicht besonders angetan von ihrem neuen Vater. Aber was soll sie machen?

"Ich reise allein" ist eine Fortsetzung des norwegischen Überraschungshits "Der Mann, der Yngve liebte" aus dem Jahr 2008. Damals war Jarle noch 17 Jahre alt und hatte hauptsächlich Mädchen im Kopf – bis eben Yngve in seine Klasse kam! Durch ihn musste sich Jarle mit seiner Identität auseinandersetzen und auf die Suche nach seinem eigenen Ich begeben. Nun knüpft "Ich reise allein" durchaus geschickt an seinen Vorgänger an. Die Geschichte ist dort bereits angelegt, außerdem arbeiten mit Tore Renberg, Stian Kristiansen und Rolf Kristian Larsen erneut Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller zusammen. Zeichnete sich "Der Mann, der Yngve liebte" durch die ernsten Untertöne und wahrhaftigen Charaktere aus, verliert sich aber "Ich reise allein" in dem schwierigen Charakter der Hauptfigur. Denn Jarle weiß immer noch nicht, wer er ist. Er weiß nur, dass er nicht erwachsen werden will. Das ist auch durchaus unterhaltsam anzusehen – solange er alleine ist. Wenn er seine Tochter nun aber vernachlässigt oder sich darüber lustig macht, dass die Mutter an der Kasse eines Supermarktes arbeitet, erscheint er überheblich und infantil. Dadurch schleichen sich Misstöne in einige Szenen ein, die wahrscheinlich nicht intendiert waren.

Dabei ist die Idee, diese offensichtlich verschiedenen Welten aufeinanderprallen zu lassen, grundsätzlich gelungen. Wenn Jarle versucht, seiner Tochter etwas zu erklären, ist es witzig. Doch sobald er Lotte vernachlässigt, stimmt die Mischung nicht mehr. Dazu trägt entscheidend bei, dass Amina Eleonora Bergrem als Lotte bezaubernd ist und daher die Zuneigung des Zuschauers eindeutig bei ihr liegt. Daher scheitern viele Gags schlichtweg an ihrer Niedlichkeit.

Doch trotz der gelegentlichen Misstöne ist "Ich reise allein" unterhaltsam und unterscheidet sich mit dem realistischen Ende wohltuend von vielen allzu glatten Hollywoodproduktionen. Es ist nicht leicht, mit 17 Jahren Mutter zu werden – oder mit 24 plötzlich zu erfahren, dass man ein Kind hat. Diese Schwierigkeiten werden insbesondere im Schlussteil gut herausgearbeitet, ohne dass der Film gleich einen allzu ernsten Ton anschlägt. Daher ist es vor allem diesem Ende zu verdanken, dass der Zuschauer letztlich versöhnt den Kinosaal verlässt.

Fazit:"Ich reise allein" ist trotz einiger Misstöne ein unterhaltsamer Film über einen jungen Mann, der plötzlich erfährt, dass er Vater ist.




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