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Bittere Kirschen
Bittere Kirschen
© Filmlichter © barnsteiner-film © EastWest Distribution

Kritik: Bittere Kirschen (2011)


Nur selten wagt der deutsche Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Didi Danquart Ausflüge ins Kino. Sein letzter Kinofilm war das deutsch-rumänische Drama "Offset" aus dem Jahr 2005. Davor und danach machte sich Danquart vor allem als Regisseur einiger Tatort-Folgen einen Namen. Dass er zu mehr im Stande ist als zur Arbeit für TV-Krimiserien beweist er mit seinem neuesten Film, dem melancholischen Roadmovie "Bittere Kirschen". Der Film beruht lose auf Judith Kuckarts Roman "Lenas Liebe" (2002). "Bittere Kirschen" handelt von einem alternden Trio, das sich zu einer Reise in die eigene und die deutsche Vergangenheit nach Auschwitz aufmacht. Herausgekommen ist ein gefühlsvoller Film um drei sensible Charaktere, der mit seinem lakonischen Witz und den überzeugenden Darstellern punktet. Leichte Kost ist der Film aber nicht. Die Verbindung von realen und surrealen Momenten ("Wilde Erdbeeren" von Ingmar Bergman lässt grüßen), die zahlreichen imaginären Szenen sowie die ins Philosophische abdriftenden Gespräche und Dialoge machen ihn vor allem für Arthouse-Fans interessant.

Lena (Anna Stieblich) ist eine Schauspielerin, die aufgrund ihres Alters nicht mehr so richtig gebraucht wird und sich deswegen dazu entschließt, der Schauspielerei den Rücken zu kehren. Als Lena vom Tod ihrer Mutter erfährt, begibt sie sich zur Beerdigung in die Heimatstadt der Mutter. Dort lernt sie Julius (Martin Lüttge) kennen, ein alter Verehrer der Verstorbenen. Julius lebte als Kind bis 1944 in Auschwitz. Auf den Spuren ihrer Mutter und der Suche nach Antworten auf Fragen, die sie ihrer Mutter nicht mehr stellen konnte, begibt sich Lena selbst nach Auschwitz. Dort hatte einst die Liebe zwischen Julius und ihrer Mutter begonnen. Als Julius erfährt, dass Lena auf dem Weg in seine alte Heimat ist, reist er ihr nach. Gemeinsam mit dem Priester Richard (Wolfram Koch) begeben sich die drei Protagonisten auf eine Fahrt in die ferne Jugend und Vergangenheit.

"Bittere Kirschen" ist keine leicht verdauliche Kino-Kost. Der Film handelt von Fragen nach dem Leben, Gott und Tod und macht es dem Zuschauer mit seiner Verschränkung aus Real-Szenen und Momenten bzw. Sequenzen, die sich nur im Kopf der Protagonisten abspielen, alles andere als leicht. Dazu ist der Film voll undurchsichtiger, geheimnisvoller Andeutungen rund um die Thematik Leben und Ableben und eine dem Gegenstand des Films angepasste, düstere Bildsprache sorgt für eine allgegenwärtige bedrohliche Grundstimmung. Die surrealistischen und imaginären Szenen machen dann aber auch einen großen Reiz des Films aus, der den Zuschauer oftmals darüber im Unklaren lässt, was Realität und was Einbildung oder Traum ist. Die Übergänge sind fließend, es gibt keine klare Trennung zwischen Realität und Phantasie. Folglich spielt sich eine der stärksten Szenen des Films auch nicht real ab, sondern ist ein Produkt der Phantasie von Lena. In der Kirche kommt es zu einem (imaginären) Zwiegespräch zwischen Lena und ihrer verstorbenen Mutter, in dessen Verlauf auch der lakonische Humor der Mutter aber auch des ganzen Films auf den Punkt gebracht wird ("Langweilen sich Tote immer?").

Denn zwischen all der dunklen Stimmung und der bedrückenden Atmosphäre, schimmern immer wieder heitere, humorvolle Augenblicke hindurch. Diese ergeben sich vor allem dann, wenn die drei völlig unterschiedlichen Charaktere Lena, Julius und Richard ins Diskutieren über die Fragen des Lebens geraten und im Auto auf engstem Raum – und damit unausweichlich – miteinander konfrontiert werden. Großartig agiert in diesem Film ausnahmslos die Darstellerriege. Vor allem Anna Stieblich als nüchtern-ernste Lena, die immer wieder davor flieht, sich irgendwo niederzulassen und Wurzeln zu schlagen und Martin Lüttge als bissiger aber warmherziger Julius, setzen schauspielerische Glanzpunkte.

Fazit: Eine herausragende Darstellerriege und der lakonische Witz machen "Bittere Kirschen" zu einem sehenswerten, gefühlvollen Roadmovie. Aufgrund der schweren Themen (Leben, Tod, Verantwortung) und der Verbindung von Wirklichkeit und Imagination ist der Film vor allem für Cineasten und Arthouse-Fans geeignet.




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