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Crashkurs
Crashkurs
© Eclipse Film GmbH

Kritik: Crashkurs (2011)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für ihr Spielfilmdebüt hat sich die Regisseurin und Drehbuchautorin Anika Wangard ein brisantes Thema ausgesucht, das zumindest vom deutschen Kino ziemlich vernachlässigt wird: die Bankenkrise von 2008, die viele Kleinanleger um ihr Geld brachte. Ausgehend von vielen Gesprächen mit Geschädigten, zeigt sie die konkreten Auswirkungen des Bankencrashs und betrügerischer Finanzgeschäfte auf unbescholtene, gutgläubige Anleger, die im Alter finanziell vor dem Nichts stehen. Im Abspann werden Fotos von realen Protestaktionen Betroffener gezeigt, wie sie auch heute noch vor Bankhäusern in Deutschland stattfinden.

Auf einmal ist der nette Bankberater Henkes kurz angebunden und bietet auch keinen Kaffee mehr an: Eva bekommt die Schattenseite ihres naiven Vertrauens ganz plötzlich und geballt serviert. Sie soll es einfach hinnehmen, dass ihre 120000 Euro mal eben futsch sind und auch nie mehr zurückkommen. Vorsorglich geht Henkes dann gleich in Urlaub. Es ist ein schrittweiser Prozess, der zur Radikalisierung eines rechtschaffenen Ehepaars führt. Der Film schildert ihn sehr glaubwürdig und nahe an den Menschen, die auch von der Justiz allein gelassen werden. Eva ist enttäuscht, gekränkt, fühlt sich von der Bank an der Nase herumgeführt. Sie weiß nicht, an wen sie sich mit ihrem gestörten Rechtsempfinden wenden soll. So kommt es, dass sie und ihre Mitstreiter, wohl zum ersten Mal in ihrem Leben, auf die Straße gehen, Flugblätter verteilen und Sitzstreiks veranstalten.

Die eher unscheinbare, korrekte Eva muss erst über ihren Schatten springen, bevor sie auf der Straße das Megafon benutzt. Aber ihr Zorn weckt schlummernde Kräfte und bringt sogar neuen Schwung in ihre Ehe. Die unterschiedlichen Charaktere in dieser betagten Aktivistengruppe bilden ein spannendes Ensemble. Monika Lennartz stellt Eva und ihr Gefühlschaos, ihr Schwanken zwischen Entschlossenheit und Ratlosigkeit beeindruckend, aber mit natürlicher Zurückhaltung dar.

Zur Haupthandlung kommen noch die Beziehungsprobleme von Tochter Dany hinzu, die ihre lesbischen Neigungen nicht nur vor den Eltern versteckt. Der Inszenierungsstil bleibt bei allen Themen angenehm nüchtern, nichts wird unnötig aufgebauscht und dramatisiert. So überzeugend wie dieser kleine, aus dem Leben gegriffene Film ist auch sein ungewöhnliches Ende. Es beweist, dass Figuren und Geschichten keinen furiosen Schlussakkord brauchen, um stark zu erscheinen.

Fazit: Das von realen Ereignissen rund um die Bankenkrise inspirierte Drama schildert glaubhaft und authentisch, wie sich eine um ihre Ersparnisse gebrachte Rentnerin zur Wutbürgerin mausert.





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