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Only God Forgives - Hauptplakat
Only God Forgives - Hauptplakat
© Tiberius Film © 24 Bilder

Kritik: Only God Forgives (2012)


Nach dem großen Erfolg von "Drive" wurde die erneute Zusammenarbeit des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn mit Ryan Gosling mit hohen Erwartungen begleitet. Bei seiner Premiere in Cannes zeigte sich dann bereits, dass der Film das Publikum spaltet: Neben Buhrufen gab es viel Applaus. Tatsächlich ist "Only God Forgives" ein Film geworden, mit dem Nicolas Winding Refn nicht auf Nummer sicher gehen wollte – und der eine eingehende Betrachtung verdient.

Nach eigenem Drehbuch erzählt Nicolas Winding Refn eine einfache Rachegeschichte: Die Brüder Julian (Ryan Gosling) und Billy (Tom Burke) leben in Bangkok und nutzen ihren Kickbox-Club als Ort für illegale Geschäfte. Es ist ein Familienunternehmen, in dem Billy das Sagen hat. Dann tötet er in einem Blutrausch eine junge Prostituierte. Am Tatort erscheint der Cop Chang (Vithaya Pansringarm), der dafür sorgt, dass Billy ebenfalls stirbt. Daraufhin kommt Julians und Billys Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas) nach Bangkok und fordert von ihrem zweitgeborenen Sohn Vergeltung für die Ermordung ihres Billys.

An die Stelle der narrativen Eleganz von "Drive" sind in "Only God Forgives" eine verrätselte Erzählstruktur und ein deutlicher Stilwillen getreten, die sehr viel Raum für Interpretationen lassen. Von Anfang an wird deutlich, dass "Only God Forgives" ein blutiger Film werden wird: Der thailändische Titelschriftzug ist ebenso wie das Licht in dem Kickbox-Club und insbesondere deren Hinterzimmer rot. Einzig in den häuslichen Bildern des Lebens des Cops wird der Zuschauer etwas Ruhe und damit natürliche Farben finden. Damit bleibt sich Nicolas Winding Refn treu: Hat er in "Drive" den Stil und die Mechanismen des Thrillers auseinander genommen und zerdehnt, nimmt er sich nun ein thailändisches Rachedrama vor.

Dabei ergibt sich aufgrund der starken Symbolik neben der Reduktion auf die gewaltvolle Rachethematik eine weitere Deutung des Films: Beständig beschaut Ryan Gosling seine Hände, oftmals sind sie zu Fäusten geballt und werden langsam wieder geöffnet. Diese Hände erscheinen ihm fremd, als gehörten sie nicht zu ihm und als stünde er seiner eigenen Aggressivität ratlos gegenüber. Dazu scheint er besessen von Vaginas. Mit Ankunft seiner Mutter Crystal – gut gespielt von Kristin Scott Thomas – offenbart sich nach und nach der Hintergrund dieses Verhaltens. Sie treffen sich in dem Zimmer, in dem er zuvor mit seiner Freundin/Prostituierten zu sehen war, die ihn an einen Stuhl fesselte und vor ihm masturbierte. Es ist im wörtlichen als auch übertragenen Sinn ein sexuell aufgeladener Raum, in dem sich Crystal und Julian begegnen. Sie sitzt auf dem Bett, ihr Kopf ist in seiner Leistengegend, später streicht sie ihm über den Arm, betont, wie hübsch ihr Junge sei. Das ist nicht das Zusammentreffen eines erwachsenen Sohnes mit seiner Mutter, sondern es sind Bilder des Missbrauchs des Sohnes durch die Mutter, die mit seiner Freundin auch über die Länge seines Penis redet. Zugleich manipuliert sie ihn mit dem Versprechen einer Nähe, die er einzig in ihrem Leib empfunden hat. Es ist eine der besten Szenen des Films: Crystal steht vor einem durchlöcherten Gitter, durch das von hinten Licht fällt. An der gegenüberliegenden Wand sitzt ihr Sohn, der gerade zusammengeschlagen wurde, mit zerschundenem Gesicht. Es entsteht ein kurzer Moment merkwürdiger Nähe zwischen Mutter und Sohn, der aber mit der Forderung nach einem weiteren Mord, den Julian begehen soll, beendet wird. Hier gipfelt die Darstellung der Beziehung zwischen einer dominanten Mutter und ihrem Sohn, deren Abgründe sich zum Ende des Films hin weiter offenbaren.

Ryan Gosling spielt gewohnt schweigsam den ruhigen Julian, der auf der Suche nach dem Verständnis seines Selbst und seiner Männlichkeit ist – und darin erstarrt ist wie die Statue des männlichen Kämpfers in seinem Thai-Club. Ohnehin ist "Only God Forgives" ein Film über die Unbeweglichkeit. Einzig der rächende Cop bewegt sich durch die Räume, Julian und seine Mutter sitzen hingegen überwiegend. Dadurch könnte "Only God Forgives" zu einem Film über Männlichkeit werden, allerdings übertüncht Refn diesen Diskurs, in dem Frauen in der Regel Huren sind, mit allzu expliziten Gewaltdarstellungen und Bildern, die in ihrer stilisierten Perfektion eine große Leere enthalten. Fast jede dieser perfekt ausgeleuchteten, mit deutlichen Referenzen an Luis Buñuel und David Lynch inszenierten Szenen wird von einem brutalen Gemetzel abgelöst, das die gelungenen Anspielungen – beispielsweise an "Blue Velvet" durch den Auftritt des singenden Cops im Nachtclub oder die labyrintischen Räume in "Mulholland Drive" – oftmals überlagert. Abermals unterlegt mit einem hypnotischen Soundtrack von Cliff Martinez entstehen dadurch schmerzhaft-schöne, aber auch prätentiöse Bilder, die oftmals manieriert wirken. Wer schon an "Drive" monierte, der Film sei "style over substance", wird sich bei "Only God Forgives" bestätigt finden. Allen anderen bietet der Film ein 90-minütiges Rätsel in schönen und blutigen Bildern, über das sich vortrefflich nachdenken und diskutieren lässt.

Fazit: Insgesamt weit mehr "Walhalla Rising" als "Drive" ist "Only God Forgives" ein Film voller Gewalt und schmerzlich-schöner Bilder, der durch seinen elliptischen Erzählstil und dünne Handlung viel Raum für Interpretationen lässt.




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