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Poster - Call Me Kuchu
Poster - Call Me Kuchu
© Arsenal

Kritik: Call Me Kuchu (2012)


"Es gibt in Uganda keine Debatte mehr, ob Homosexualität richtig ist oder nicht – sie ist es nicht." Mit dieser Aussage konfrontiert ein Parlamentsabgeordneter die US-Amerikanischen Filmemacherinnen Katherine Fairfax-Wright und Malika Zouhali-Worrall gleich zu Beginn ihres Films "Call Me Kuchu". Zwei Jahre lang haben sie den alltäglichen Kampf der LGBT (lesbian, gay, bisexual und transgender)-Gemeinde für ein Leben in Frieden begleitet und einen aufwühlenden Dokumentarfilm gedreht, der unbedingt sehenswert ist.

In Uganda ist Homosexualität eine Straftat. Die Tageszeitung "Rolling Stone" veröffentlicht Fotos von 100 Homosexuellen sowie Unterstützern und übertitelt sie mit der Schlagzeile "Hang them". Evangelikale Priester – auch aus den USA – warnen davor, dass Homosexuelle Kinder "anstecken" könnten und fordern ihre Verdammung. Und ein Politiker hat ein Gesetz vorgeschlagen, das jeden unter Strafe stellt, der eine Homosexualität nicht innerhalb von 24 Stunden den Behörden anzeigt, und die Todesstrafe für Homosexualität vorsieht. In Uganda verkünden Politiker, Kirchenvertreter und Journalisten mit Vehemenz, dass Homosexualität kein Menschenrecht sei – sondern Sodomie.

In diesem Klima der Verfolgung, Anfeindung und Angst kämpft David Kato, Ugandas erster offen bekennender Homosexueller, für ein offenes Leben aller LGBT – in Uganda "Kuchu" genannt. Wie schwierig die Bedingungen sind, macht schon der Anfang des Films sehr eindrucksvoll deutlich: Dort sitzen Mitglieder der LGBT-Community im Garten zusammen und feiern eine schwule Verpartnerung, sichtbar bemüht, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Diesen Bildern stellen die Filmemacherinnen Aufnahmen von einer Versammlung evangelikaler Christen gegenüber, auf denen Prediger gegen Homosexuelle eifern und die Gläubigen mit Hassreden aufstacheln. Für sie führt Homosexualität zu dem unaufhaltsamen Verderben der Gesellschaft.

Aber es sind nicht nur die lauten Hassreden, die in "Call me Kuchu" einen lang anhaltenden Eindruck hinterlassen. In einer sehr nachdrücklichen Einstellung ist die Bürgerrechtlerin und Lesbierin Naomi in einem Gespräch mit einem Priester zu sehen. Er weiß, dass sie eine Bürgerrechtsaktivistin ist, aber nicht, dass sie lesbisch ist. Als sie mit ihm auf die Situation von Homosexuellen zu sprechen kommt, weist er zurück, dass Homosexuelle Menschenrechte haben. Sie seien unmoralisch und unnatürlich. Außerdem kann er sich nicht vorstellen, dass Menschen so geboren werden – sie würden dazu gemacht. Naomi versucht vergeblich, den Priester vom Gegenteil zu überzeugen. Solche Momente hinterlassen Fassungslosigkeit. Dazu gehört auch der stets selbstsicher lächelnde Redakteur des "Rolling Stone", der in die Kamera sagt, er wolle nicht, dass Homosexuelle einfach auf der Straße ermordet werden, sondern sie sollten von einem Gericht verurteilt und dann gehängt werden. Dabei ist es umso bemerkenswerter, dass die Filmemacherinnen hier ruhig bleiben konnten.

Es gelingt ihnen, ohne erklärende Off-Kommentare ein komplexes und persönliches Porträt der LGBT-Gemeinde in Uganda zu zeichnen. Filmisch sind sie sehr nah an ihren Protagonisten, die von ihren Ängsten und Gewalterfahrungen erzählen. Es sind eindringliche Schilderungen, die in Uganda aber zum Alltag gehören. Doch trotz des Hasses, der Beschimpfungen und der lebensbedrohlichen Gefahr lassen sich David, Naomi und all die anderen nicht entmutigen – und dieser Film zeugt von ihrem Kampf.

"Sie werden sagen, uns gibt es nicht", erklärt David Kato. Aber er kämpfte dafür, dass sie wahr genommen werden. Am 26. Januar 2011 wurde er in seinem Haus erschlagen aufgefunden. Noch auf seinem Begräbnis kam es zu einem dramatischen Zusammenstoß von Kirche und LGTB-Gemeinde. Aber dieser Film beweist, dass es sie gibt, die Homosexuellen in Uganda. Und dass sie ihren Kampf nicht aufgeben werden!

Fazit: Es gibt Filme, die sind wichtig. Und "Call me Kuchu" ist ein solcher Film. Er rüttelt auf, macht wütend, sprachlos, glücklich und traurig. Das geplante Gesetz, auch als "kill the gays bill" bekannt, wurde zunächst auf internationalen Druck zurückgezogen. Allerdings steht es seit Februar 2012 wieder zur Debatte.




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