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Cäsar muss sterben
Cäsar muss sterben
© Camino

Kritik: Cesare deve morire - Cäsar muss sterben (2012)


"Cäsar muss sterben" der italienischen Regiebrüder Paolo und Vittorio Taviani ist eines der ungewöhnlichsten filmischen Experimente der letzten Zeit. Als Mischung aus klassischem Dokufilm aber mit fiktionaler Handlung angelegt, schildert das Werk den Versuch italienischer Strafgefangener, hinter Gittern das berühmte Shakespeare-Stück "Julius Cäsar" aufzuführen. Der Film ist sowohl bei den Proben dabei als auch bei der finalen Aufführung vor Publikum.

Das bemerkenswerte Doku-Drama wurde am 11. Februar dieses Jahres bei der 62. Berlinale uraufgeführt und gleich mit dem Hauptpreis des Festivals ausgezeichnet. Im September 2012 wurde "Cäsar muss sterben" als offizieller Kandidat Italiens auf eine Oscar-Nominierung in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" ausgewählt. "Cäsar muss sterben" ist ein mutiges, in weiten Teilen in schwarz-weiß gehaltenes Filmexperiment für Cineasten und Freunde spezieller Film-Kost.

Zu Beginn des Films sieht man den Gefängnisdirektor und den Theaterregisseur, wie sie vor versammelter Häftlings-Mannschaft das geplante Theaterprojekt vorstellen. Kurze Zeit später beginnt das Casting für die zwölf wichtigsten Rollen. Bei diesem Casting offenbart sich bereits die ganze Improvisations-Kunst der Häftlinge. Sie sind aufgefordert, sich der Jury mit Namen, Geburtsdatum und Herkunft kurz vorzustellen – einmal in tiefer Trauer und das andere Mal wütend und in Rage. Nach der Besetzung beginnen die Häftlinge damit, den Text zu lernen. Langsam aber sicher und mit voranschreitender Dauer der Proben verschmelzen die Gefangenen immer mehr mit ihren Rollen und gehen in der Kunst geradezu auf. Sie scheinen völlig zu vergessen, dass sich die Proben hinter dunklen Mauern abspielen und beginnen, sich mit Cäsar, Brutus und Co. zu identifizieren. Die Proben verdeutlichen, was Kunst aus Menschen (ja, auch aus Schwerverbrechern) machen kann, wenn sie über sich hinauswachsen und selbst zum festen Teil eines Stücks werden.

Der Film besteht zu weiten Teilen aus exakt durchkomponierter Schwarz-Weiß-Optik, nur am Anfang und am Ende bei der Aufführung werden aus den melancholischen Schwarz-Weiß-Bildern kurze, farbige Momentaufnahmen. Die Proben und Wochen bis zur Premiere des Stücks sind voller tiefer Emotionen: Zweifel und Unsicherheit wechseln sich mit Hoffnung und Leidenschaft ab und als Zuschauer begleitet man das ganze Szenario von Anfang bis zum Ende – der umjubelten Aufführung vor einer Vielzahl von Menschen, die sich von den Schauspielern auf der Bühne vor allem in einem Punkt unterscheiden: auf sie wartet nach dem Stück die Freiheit, während die Darsteller nach der Aufführung wieder zu gewöhnlichen Schwerverbrechern mit jahrelangen Haftstrafen werden. Es ist eine der stärksten aber auch verstörendsten Szenen des Films, wenn die Darsteller nach der frenetisch gefeierten Premiere wortlos wieder in ihre Zellen geführt werden. Und einer von ihnen sagt: "Seit ich weiß, was Kunst ist, ist diese Zelle ein Gefängnis geworden."

Fazit: "Cäsar muss sterben" ist ein mutiges, bemerkenswertes Filmexperiment, das zwölf Insassen eines Hochsicherheitsgefängnisses dabei beobachtet, eines der berühmtesten Shakespeare-Stücke auf die Bühne zu bringen.





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