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Kritik: Hemel (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Gnade" lautet das erste Wort, das zu Beginn des Films "Hemel" von der niederländischen Regisseurin Sacha Polak zu hören ist. Ihre Protagonistin Hemel (Hannah Hoekstra) spricht es aus, noch bevor der Titelschriftzug auf der ansonsten schwarze Leinwand dem ersten Bild weicht, das sofort mitten in die Handlung wirft. Hemel ist mit Joris (Ward Weemhoff) im Bett. Sie reden über Sex, über Kosenamen von Penissen und Intimrasuren. Dabei ist ihrem Verhalten anzumerken, dass es ihnen in erster Linie um körperliche Freuden geht – Joris scheint zudem eine Freundin zu haben. Er ist der erste in einer wechselnden Männerschar, in der Hemel einen Ausflucht aus ihrer Einsamkeit sucht.

Das nächste Mal bettelt sie bei ihrem Vater Gijs (Hans Dagelet), um Gnade, als sie mit ihm aus Spaß auf dem Fußboden rangelt. Es ist merkwürdig, den älteren Mann und seine Anfang 20-jährige Tochter auf dem Boden zu sehen, in einer Einstellung, die den Bildern des Sexes mit Joris sehr ähnlich sind. Gijs und Hemel habe eine sehr enge, fast schon intime Beziehung, in der andere Partner keinen Platz zu haben scheinen. Im Konzert halten sie Händchen, teilen auf einer Reise ein Badezimmer miteinander, duschen voreinander. Diese Bilder deuten eine inzestuöse Enge an, sie wird indes niemals ausdrücklich.

Sex und ihr Vater sind die zwei Fixpunkte in Hemels Leben: Auf der einen Seite sind die Männer, bei denen sie Nähe durch Sex sucht, auf der anderen Seite ihr Vater, dem sie – so wird unentwegt betont – so ähnlich sei. Als sich ihr Vater dann aber ernsthaft in eine andere Frau verliebt und mit ihr eine Beziehung eingehen will, gerät ihr Verhältnis und damit Hemels gesamtes Leben aus dem Gleichgewicht. Hemel scheint einsamer als jemals zuvor – und spürt erstmals, welche Dominanz ihr Vater eingenommen hat. Eine Dominanz, die sie womöglich mit Geborgenheit verwechselte.

In ihrem Film "Hemel" entwickeln Regisseurin Sacha Polak und Drehbuchautorin Helena van der Meulen das Porträt einer einsamen jungen Frau, deren Mutter sich einst umgebracht hat und die seither ihrem Vater gefallen will. Gespielt wird die Titelfigur äußerst eindrucksvoll von Hannah Hoekstra. Ihre Hemel – niederländisch für Himmel – ist freizügig, offen und provokant, während im nächsten Moment in ihren Augen eine tiefe Einsamkeit schimmert. Dabei ist der dünne Körper ein Instrument, mit dem sie Nähe erfahren will und zugleich ihre Verlorenheit ausdrückt.

Leider ist "Hemel" in der Zeichnung der anderen Charaktere – insbesondere des Vaters – nicht ähnlich differenziert. Vielmehr konzentriert er sich vollends auf Hemel, deren Charakter sich dennoch bis zum Schluss nicht vollends ergründen lässt. Und so bleiben von dem Film vor allem das Spiel von Hannah Hoekstra und die mitunter eindringlichen Bilder von Daniël Bouquet in Erinnerung.

Fazit: "Hemel" ist das komplexe Psychogramm einer modernen jungen Frau, eindrucksvoll gespielt von Hannah Hoekstra.





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