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Kritik: Atomic Age (2011)


Der französischen Filmemacherin Héléna Klotz gelingt mit "Atomic Age" ein Coming-of-Age-Film der etwas anderen Art, der dank seiner hypnotischen Bildsprache und dem elektrisierendem Soundtrack zu den überzeugendsten Jugendfilmen der vergangenen Jahre gezählt werden darf. Anders als z.B. deutsche Filme dieser Sparte wie "Crazy" (2000) und "Fickende Fische" (2002) verzichtet "Atomic Age" dabei fast völlig auf heitere Momente und spart auch die optimistischen, positiven Aspekte und Augenblicke des Heranwachsens und der Jugend zu großen Teilen aus. "Atomic Age" ist aggressiv, verstörend und legt auf desillusionierende Weise den Seelenzustand zweier (und vielleicht allgemein heutiger) Teenager frei. Erstaunlich dabei ist, dass "Atomic Age" der erste Film der Französin ist. In Sachen Visualität und Kameraarbeit kann er es aber mit jeder Hollywood-Produktion aufnehmen. Zu Recht wurde Klotz' Erstlingswerk auf diversen Festivals mit Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Preis der internationalen Filmkritiker und Filmjournalisten Vereinigung auf der diesjährigen Berlinale.

Die zwei vergnügungssüchtigen jungen Männer Victor (Elliott Paquet) und Rainer (Dominik Wojcik) kommen aus der Pariser Vorstadt und beschließen, für einen Abend in die Weltmetropole zu fahren um sich in das dortige Nachtleben zu stürzen. Die beiden besten Freunde wollen Spaß haben, ihren Alltagsfrust vergessen und sich in einen Strudel aus Sex, Alkohol und Drogen begeben. Doch der Trip verläuft anders als erhofft. In den Clubs gehen die Flirts daneben, Anmachen funktionieren nicht und Raufereien mit anderen Jungs auf der Straße drücken zudem die Stimmung. Bald haben sie genug von der urbanen Welt mit ihren flüchtigen Bekanntschaften, der Aggressivität und dem Rausch und sie flüchten in ein nahegelegenes Waldstück. Dort wächst ihr gegenseitiges Verlangen. Und wenn sich die Nacht dem Ende entgegenneigt, scheint nichts mehr, wie es zuvor war und auch die beiden Jungs werden andere sein, als noch zuvor.

Als Kinobesucher wird man Zeuge eines berauschenden, ausschweifenden Streifzugs durch das exzessive Pariser Nachtleben, die Kamera ist stets ganz dicht bei den beiden Protagonisten Victor und Rainer. Der Film setzt mit der Zugreise der Beiden von ihrer tristen, öden Vorstadt nach Paris ein, der pulsierenden Metropole, deren Discotheken zu den beliebtesten und vielseitigsten in ganz Europa zählen. Da ist zum einen Victor, der noch sehr jungenhaft wirkt und in dieser Nacht unbedingt seinen sexuellen Erfahrungshorizont erweitern möchte. In seinem Blick vereint sich eine sehnsuchtsvolle Melancholie mit einer verspielten Leichtigkeit und Ungezwungenheit. Sein bester Freund, Rainer, macht den deutlich älteren und abgeklärteren Eindruck. Er wirkt reifer und kontrollierter. Aber letztlich ist auch er auf der Suche nach einer Ausbruchsmöglichkeit aus dem eintönigen, reizlosen Vorstadt-Alltag. Die beiden Darsteller Elliott Paquet (Victor) und Dominik Wojcik (Rainer) lassen den Zuschauer durch ihr intensives Spiel hautnah an der selbstzerstörerischen Reise teilhaben. Oft verweilt die Kamera in langen Nahaufnahmen auf den Gesichtern der Beiden, die Jungs vermitteln ihre Frustration und ihr Verlangen über expressive, manchmal fast ins Theatralische abdriftende Gestik und Mimik.

Daneben stechen bei "Atomic Age" besonders die Kameraarbeit sowie die berauschenden Bilder von Kamerafrau Hélène Louvart heraus. Bereits auf der Zugfahrt in die Stadt verrät der Blick aus dem Fenster auf das nächtliche Paris, wohin die Reise auf visueller Ebene geht. Es herrscht Dunkelheit und Tristesse und würde nicht gerade der weltbekannte Eiffelturm aus der Ferne zu sehen sein, wüsste man gar nicht, in welcher Stadt man sich eigentlich aufhält. Regisseurin Klotz verleiht der "Stadt der Liebe" damit eine verstörende Beliebig- und Austauschbarkeit. Außer dem Eiffelturm ist nichts zu sehen von den bekannten und beliebten Sehenswürdigkeiten der Metropole. Der Film bewegt sich abseits der berühmten Bauwerke, prachtvollen Straßen und Boulevards, der Museen und Kunstgalerien. "Atomic Age" ist also sicher kein Film für Paris-Liebhaber die hoffen, dass die Stadt hier in einem glanzvollen Licht erscheint und erstrahlt. Es überwiegt die Gleichförmig- und Trostlosigkeit einer pulsierenden Großstadt. Die schattigen Bilder aus der spärlich beleuchteten Diskothek lassen darüber hinaus eine beunruhigende Atmosphäre aufkommen, die gleichzeitig abschreckt und in ihren Bann zieht. Der Film schafft es, über die kurze Laufzeit von lediglich knapp 70 Minuten mit geringen filmischen Mitteln zu packen. Und über allem liegt der reizvolle, betörende Elektro-Soundtrack von Ulysse Klotz, dem Bruder der Regisseurin.

Fazit: "Atomic Age" ist ein Coming-of-Age-Film der etwas anderen Sorte, der zwei Jugendliche in berauschenden Bildern und mit hypnotischer Musik bei einem exzessiven Trip durch das Pariser Nachtleben begleitet.




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