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Oma & Bella
Oma & Bella
© Salzgeber & Co

Kritik: Oma & Bella (2012)


Das dokumentarische Porträt "Oma und Bella" der in Berlin geborenen Regisseurin Alexa Karolinski zählt zu den außergewöhnlicheren Filmen der letzten Zeit. Karolinskis Film porträtiert auf stimmungsvolle und berührende Weise den Lebensalltag zweier jüdischer Holocaust-Überlebender, die sich seit einigen Jahren eine Wohnung im Berliner Ortsteil Charlottenburg teilen. Dabei macht der Film nicht viel mehr, als die beiden aufrechten Rentnerinnen jenseits der 80 bei ihrem alltäglichen Tun und Handeln zu beobachten: beim Einkaufen, beim Friseurbesuch, bei Gesprächen über die Vergangenheit und – vor allem – beim liebsten Hobby der Beiden, dem Kochen. Denn wenn "Oma" und Bella ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen, fassen die Zwei auch ihre Erinnerungen an die Schrecken der Nazi-Diktatur in Worte, an denen man als Zuschauer auf intensive Weise teilhaben darf. "Oma und Bella" versteht sich daher als leises Porträt über das Altern und das Zusammenleben im Alter, das die Erinnerung an den Holocaust wach halten will. Der Film war Karolinskis Abschlusswerk an der New Yorker School of Visual Arts, der in diesem Jahr im Rahmen der 62. Berlinale uraufgeführt wurde.

Mit einfachsten Mitteln porträtiert der Film das Leben und den Alltag der beiden Frauen und stellt diese zu jeder Zeit in den Mittelpunkt des Geschehens. Die Kamera passt sich dem Treiben und der Geschwindigkeit von Regina und Bella an und verbleibt über die gesamte Laufzeit angenehm im Hintergrund. Die Zwei geben das Erzähltempo vor und Regisseurin und Enkelin Alexa Karolinski hält sich dabei in ihrer Alltagsbeobachtung weitestgehend zurück. Nur selten greift sie in das Geschehen aktiv ein, etwa dann, wenn sie ein Glas Orangensaft trinken "muss", wegen der ganzen gesunden Vitamine.

Vielmehr ist Alexa die meiste Zeit stille Beobachterin, die ihren beiden Hauptdarstellerinnen das Ruder überlässt. Die Kamera folgt den Beiden zum Friseur und in die Stammkneipe um die Ecke, zeigt, wie ihnen der Lieblingsmetzger immer die schönsten Hühnchen zurücklegt und beobachtet sie dabei, wenn sie sich in ihrem großen Wohnzimmer alte Fotos ansehen und euphorisch von den rauschenden Partys in den 50er und 60er-Jahren berichten. Dies alles sind sehr persönliche Momente, die zeigen, wie gut es Regina und Bella gelingt, den oft nicht immer ganz einfachen Alltag in diesem hohen Alter gemeinschaftlich zu meistern. Über allem schwebt dabei stets der extrem trockene, aber nie zynische Humor der zwei Freundinnen. Besonders intim und gefühlvoll wird der Film, wenn er Regina und Bella beim Zubereiten von jiddischen Spezialitäten über die Schulter schaut.

Wieder und wieder kehrt der Film nämlich in die kleine Charlottenburger Einbauküche zurück und dokumentiert das kulinarische Treiben. Regina und Bella rasieren Kalbsfüße, schneiden Zwiebeln, backen Hagelzuckerkekse oder bereiten Borschtsch zu, die beliebte osteuropäische Suppe mit Roter Bete. Und während sie das tun, kommen die Gedanken an die dunklen Erlebnisse während des Holocaust auf. Das Kochen nach traditionellen, jiddischen Rezepten ist für Regina und Bella gelebtes Andenken an die eigene, tragische Vergangenheit. In einem der beeindruckendsten Momente des Films erzählt Bella davon, wie sich ihr Vater aus Verzweiflung erhängte. Die Nazis wollten sie und ihre Familie ins Getto deportieren. Ihr Vater meinte, er müsse noch schnell einen Pelzmantel aus der Wohnung holen. Doch tatsächlich erhängte er sich vor lauter Verzweiflung aufgrund der aussichtslosen Situation für ihn und seine Familie. Bella erzählt dies mit einem Lachen im Gesicht, aus Freude darüber, dass die Nazis ihn nicht erschießen konnten. Keine andere Szene lässt den schwarzen Humor der fast 90-jährigen deutlicher zum Vorschein treten, der die Erinnerungen an die Vergangenheit ein wenig erträglicher macht.

Fazit: "Oma und Bella" zeichnet ein emotionales, intimes Bild zweier in Berlin lebender Holocaust-Überlebender. Der Film porträtiert den Lebensalltag der beiden beeindruckenden alten Damen und versteht sich zugleich als Dokument deutsch-jüdischer Geschichte.




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