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Drei Jahreszeiten in der Hölle
Drei Jahreszeiten in der Hölle
© Dawson Productions, Babelsberg Film, Trigon Production

Kritik: Drei Jahreszeiten in der Hölle (2010)


"3 Jahreszeiten in der Hölle" ist das Spielfilmdebüt von Tomás Masín, das in seiner tschechischen Heimat überaus erfolgreich war. Das Drama wurde elfmal für den tschechischen Filmpreis nominiert und konnte drei Auszeichnungen in den Kategorien Bester Schauspieler, Kamera und Tongestaltung gewinnen. "3 Jahreszeiten in der Hölle" ist ein hübsch ausgestattetes, mit authentischen Kulissen versehenes Drama mit zwei charismatischen Hauptdarstellern und einer Geschichte, in der viel erzählerisches Potential steckt. Dass der Film aber dennoch nicht vollends überzeugen kann, liegt zum einen an den zahlreichen surrealistischen Einfällen und Einschüben, mit denen Regisseur Masín seinen Film versieht und einer Love-Story, die leider zu aufgesetzt und wenig authentisch wirkt.

"3 Jahreszeiten in der Hölle" gelingt es zunächst erstaunlich gut, die Stimmung im Prag der späten 40er-Jahre einzufangen und dem Zuschauer nahe zu bringen. Die Stadt und das ganze Land befinden sich in einer Phase der Veränderung und des Umbruchs, ebenso wie die Menschen, die dort leben. Gerade einmal zwei Jahre sind seit dem Ende des Krieges und seit der Befreiung der Tschechoslowakei von den deutschen Besatzern vergangen. Bis die Kommunisten im Februar 1948 die Macht an sich reißen ist es nicht mehr lange hin aber noch ahnen die Menschen nicht, dass ihnen eine Diktatur, die bis zum Ende des Ostblocks anhalten soll, bevorsteht. Im Jahr vor der kommunistischen Machtübernahme aber waren die Menschen zuversichtlich und schauten voller Vorfreude in die Zukunft. Diese Atmosphäre des Aufbruchs fängt der Film ausführlich und gekonnt ein. Zudem vermitteln Kulissen und Kostüme ein detailreiches und stimmiges Bild der damaligen Zeit. Stellvertretend für die positiv gestimmten Menschen, die voller Hoffnung und Träume waren, steht der junge Dichter Ivan, eine geheimnisvolle und vielschichtige Hauptfigur. Ivan ist fast ununterbrochen am Dichten und tut nichts lieber, als sich neue Verse auszudenken und mit Sprache und Worten zu jonglieren. Krystof Hadek macht seine Sache als ambivalenter Freigeist und extravaganter Künstler ordentlich. Leidenschaftlich und ohne Zurückhaltung verkörpert er den komplexen Charakter, der schon bald der sinnlichen Jana verfällt.

Auch Karolina Gruszka kann in ihrer Rolle als bisexuelle, exzentrische Jana, die die freie Liebe propagiert, Akzente setzen. Ihr nimmt man die Rolle dieser lebensfrohen, exaltierten jungen Frau auch dank ihrer umwerfenden Ausstrahlung sofort ab. Umso bedauerlicher ist, dass die Chemie zwischen Ivan und Jana zu keinem Zeitpunkt so recht stimmen mag und dass die Beziehung der Beiden an vielen Stellen schlichtweg aufgesetzt und unnatürlich wirkt. Das ist schade, zumal der Film einen seiner Schwerpunkte in die Entwicklung dieser Liebesbeziehung setzt. Die Komplexität von Ivan, der männlichen Hauptfigur, wird noch auf die Spitze getrieben, indem Regisseur Masín immer wieder Ivans surreale Ideen und Einfälle in seinen Film einbaut und bebildert. So wird man als Zuschauer z.B. Zeuge, wie ein Arzt mit seinem Stethoskop einen riesigen Kleiderschrank abhorcht, wie Ivan halbnackt in einem Restaurant auf den Tischen herumspaziert und die übrigen Gäste zur Masturbation auffordert oder wie er sich mit Hilfe von Alkohol seine beiden Arme selbst in Brand steckt und einen fliegenden Vogel simuliert. Dies alles mutet doch arg seltsam und gewöhnungsbedürftig an und sorgt dafür, dass der Erzählfluss immer wieder ins Stocken gerät. Hätte Masín darauf verzichtet, Ivans verrückte Ideen zu visualisieren, hätte dies einen stimmigeren Film mit durchgängigem Erzählfluss zur Folge gehabt. Schade.

Fazit: "3 Jahreszeiten in der Hölle" ist ein stark ausgestattetes Drama mit zwei charismatischen Hauptdarstellern, dem ein Verzicht auf die vielen surrealen Einfälle und Einsprengsel gut getan hätte.




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