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Wagner und ich
Wagner und ich
© Film Kino Text

Kritik: Wagner und ich (2010)


Der Brite Stephen Fry zählt zu den beliebtesten und erfolgreichsten Schauspielern und Moderatoren seiner Heimat. Mitte der Achtziger Jahre wurde Fry durch die BBC-Comedy-Sendung "A bit of Fry & Laurie" einem größeren Publikum bekannt, in der er von typisch britischem Humor durchzogene Sketche mit seinem Studienfreund Hugh Laurie ("Dr. House") zum Besten gab. Seit jenen Tagen ist Fry für sein großes humoristisches Improvisationstalent sowie seinen ausgeklügelten sprachlichen Stil bekannt und gilt seit jeher als großer Kenner und Schätzer von Kunst und Kultur. Zudem ist er Buchautor, Dichter und Regisseur und darüber hinaus ein großer Bewunderer des deutschen Komponisten Richard Wagner und seiner Musik. Wer also, wenn nicht Fry, sollte durch eine Dokumentation führen, die in einer Art Reisebericht versucht den Mythos Wagner zu ergründen. Auf erfrischend humorvolle und augenzwinkernde Art begründet Fry in der Dokumentation "Wagner & me" seine persönliche Liebe und Wertschätzung für den Ausnahmekomponisten und wirft die Frage auf, ob sich Wagners Musik von seinem Antisemitismus und dem Missbrauch durch die Nazis trennen lässt.

Stephen Fry begibt sich in "Wagner & me" auf die Spuren seines Lieblingskomponisten Richard Wagner, der aufgrund seiner antisemitischen Haltung bis heute für Kontroversen sorgt. Fry bereist sämtliche wichtigen Orte und biografischen Stationen Wagners und trifft dabei allerlei Wagner-Kenner und -Experten, mit denen er sich über den Komponisten austauscht. Stets begleitet Fry dabei die Frage, ob man Wagner auch als Jude (Fry hat selbst jüdische Wurzeln) noch bewundern darf und inwieweit das Werk und Schaffen Wagners durch seine Vereinnahmung durch die Nazis und die Bewunderung durch Hitler beschmutzt wurde.

Schön der Reihe nach arbeitet Fry die wesentlichen und entscheidenden Lebensstationen von Richard Wagner ab und lotet an Ort und Stelle durch unterhaltsame, informative Gespräche die Gründe für die bis heute ungebrochene Bedeutung von Wagner aus. Frys Reise beginnt im Zentrum des Wagner-Kults, im bayerischen Bayreuth. Alljährlich finden hier in dem von Wagner geschaffenen Festspielhaus die weltberühmten Richard-Wagner-Festspiele statt, die bis heute zu den weltweit bedeutendsten Musik- und Theaterfestivals zählen. Fry besucht auch die Wirkungsstätte des Komponisten in der Schweiz, in die Wagner nach der gescheiterten Revolution 1848 flüchtete um im Anschluss einen Abstecher nach Sankt Petersburg zum bekannten Mariinski-Opernhaus zu machen. Dort gab der Komponist in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts Konzerte und schon zu seinen Lebzeiten wurden hier seine Opern erfolgreich aufgeführt.

Dabei wird für den Zuschauer jederzeit die Begeisterung von Stephen Fry deutlich, der mit großen Augen und noch größerer Leidenschaft auf den Spuren von Wagner wandelt und so seinen individuellen Bezug zum Doku-Objekt auf ehrliche und authentische Weise herstellt. In den spannenden Gesprächen zwischen Fry und all den illustren Personen, denen er auf seiner Reise begegnet (etwa mit dem Mariinski-Intendanten Waleri Gergijew oder der Wagner-Urenkelin Eva Wagner-Pasquier), erfährt der Zuschauer allerhand Wissenswertes und Lehrreiches. Etwa, dass der bayerische Märchenkönig Ludwig II. bei der Ausstattung der Räumlichkeiten auf Schloss Neuschwanstein auf Wagners musikalische Sagenwelten zurückgriff oder dass man bis zu sieben Jahre auf eine Karte für die Bayreuther Festspiele warten muss.

Die große Stärke von "Wagner & me" ist jedoch, dass der Film nicht die kritische Auseinandersetzung mit Wagners Antisemitismus ausspart und sich auch mit der Rolle seiner Musik im NS-Reich auseinandersetzt. Damit umgeht der Film glücklicherweise die bedingungslose Glorifizierung des Genies Wagner. Mit seiner Schrift "Das Judenthum in der Musik" gilt Wagner gemeinhin als einer der Vorkämpfer des Antisemitismus, was der Film auch deutlich zur Sprache bringt. Zudem geht Fry auf die Bewunderung Wagners durch Adolf Hitler ein, der ihn als den deutschen Komponisten par excellence betrachtete. Wagners Stücke dienten den monumentalen Nazi-Großdemonstrationen häufig als musikalische Untermalung, wodurch er nochmals nachhaltigen Schaden nahm und bis heute untrennbar mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte verbunden scheint. Auf diesen Aspekt geht Fry explizit bei seinem Besuch des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg ein.

Alles in allem gelingt Fry mit seiner kritischen Beleuchtung des Mythos Wagner ein aufschlussreiches, amüsantes aber auch nachdenkliches Porträt, das nicht nur für Wagner-Fans interessant sein dürfte. Einziger Schwachpunkt: Die Reisen von Fry zu den jeweiligen Orten wirken nach einer gewissen Zeit ein wenig ermüdend, da sie stets nach dem gleichen Muster ablaufen: Einigen einleitenden Sätzen von Fry folgen in aller Regel die Besichtigung des Ortes und der nette Plausch mit den Personen. Dennoch: Die mit allerlei Informationen gespickte Dokumentation lebt letztlich von Frys ereignisreicher, faszinierender Reise auf den Spuren von Richard Wagner, die dank des britischen Charmes und klugen Humors des "Reiseleiters" nicht nur extrem aufschlussreich sondern auch charmant und stimmungsvoll daherkommt.

"Wagner & me" ist eine informative, unterhaltsame Dokumentation, die den Mythos Wagner auf einer Reise zu seinen Wirkungsstätten kritisch hinterfragt.





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