VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Holy Motors (2012)


Die Handlung von Leos Carax' "Holy Motors" ist ebenso einfach wie schwer zusammenzufassen. Im Grunde genommen wird von einem Tag im Leben des Monsieur Oscar (großartig: Denis Lavant) erzählt, an dem er verschiedene Missionen zu erfüllen hat, die ihn in verschiedene Leben schlüpfen lassen. Während er in einer Limousine – gefahren von Céline (Édith Scob) – von Ort zu Ort fährt, liest er in einem Dossier über die kommenden Rollen, die er zu spielen hat, zieht sich um und schminkt sich. Mal ist er eine Bettlerin, mal ein Killer, ein Cyber-Kämpfer oder auch ein Familienvater. Über die Hintergründe und seine Auftraggeber ist nichts zu erfahren und so gleicht der Plot von "Holy Motors" einer Traumlandschaft, in der assoziativ von Geschichte zu Geschichte gesprungen wird. Die Geschichten unterscheiden sich durch die handelnden Personen und Stile, die von einer Groteske (in Anlehnung an Leos Carax' Beitrag zum Film "Tokyo") bis hin zu einem Musical mit einer wunderbaren Kylie Minogue reichen. Dadurch wird dieser eigenwillige Film zu einem einzigartigen Erlebnis – und es eröffnet sich ein großer Interpretationsraum.

Schon die Eingangssequenz entführt den Zuschauer in eine surreale Welt: Ein Mann, gespielt von Leos Carax, wacht mitten in der Nacht auf und entdeckt in seinem Zimmer eine Tür. Er schließt sie auf und findet – in Anlehnung an eine Geschichte von E.T.A. Hoffmann – dahinter ein riesiges Kino. In der Folge schlüpft nun Monsieur Oscar in verschiedene Rollen. Er scheint alles spielen und jede Geschichte auf die Leinwand bringen zu können, ohne zu enttarnen, wer er selbst eigentlich ist. Da erscheint es schon fast kein Zufall mehr, dass die Hauptfigur den Namen des berühmtesten Filmpreises der Welt trägt. Zugleich aber entlarvt Leos Carax auch alle Ereignisse als Inszenierung, bisweilen sogar als Inszenierung einer Inszenierung. Und hier wird der Film zu einer Metapher für verwischende Identitäten. Mühelos springt Monsieur Oscar in seinen Rollen von einem Leben in das nächste, aber diese Stippvisiten bestehen nur aus Momentaufnahmen und inszenierten Gefühlen. Eine eigene Identität scheint er höchstens in seiner Erinnerung zu haben, sofern er sie jemals besaß.

Daneben ist "Holy Motors" aber auch ein Kommentar des Regisseurs zu der Macht der Maschinen. Die titelgebenden "heiligen Motoren" sind vom Aussterben bedroht, sie sind wie die Menschen Teil einer Welt, die zunehmend vom virtuellen Dasein verdrängt wird. Damit aber – so hat es Leos Carax in einem Interview gesagt – verschwinden auch die gelebten Erfahrungen und echten Aktionen. Und so scheint es nur noch ein weiterer Schritt, dass auch die Schönheit und Einzigartigkeit der Welt nicht mehr erkannt wird. Dieser vermeintlichen Abgebrühtheit, die aber vielmehr Abgestumpftheit ist, setzt Leos Carax einen Film entgegen, der sich jeglicher Eindeutigkeit entzieht und durch seine Sperrigkeit, seine Undurchdringlichkeit besticht, und letztlich auf die alte Frage zurückführt, ob Schönheit überhaupt einen Betrachter braucht.

Bei seiner Premiere in Cannes hat Leos Carax' Film "Holy Motors" begeisterte Kritiken hervorgerufen. Dieser Enthusiasmus hat sicherlich dazu beigetragen, dass es dieser wundersame Film nun auch hierzulande in die Kinos geschafft hat. Dennoch sollte man "Holy Motors" möglichst unvoreingenommen und ohne Erwartungen begegnen. Denn nur auf diese Weise kann Leos Carax' Film zu dem Erlebnis werden, das er eigentlich ist.

Fazit: Leos Carax' "Holy Motors" ist ein Film, der gesehen werden muss; er bricht mit den konventionellen Sehgewohnheiten, ist verstörend, merkwürdig, einzigartig und voller möglicher Interpretationen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.