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The United States of Hoodoo
The United States of Hoodoo
© Real Fiction

Kritik: The United States of Hoodoo (2012)


Eine Dokumentation der besonderen Art ist der neue Film des deutschen Regisseurs und Autors Oliver Hardt, "The United States of Hoodoo". In diesem Film, eine Art Roadmovie-Dokumentation, begleitet Hardt den afroamerikanischen Autor Darius James auf der Suche nach den Ursprüngen der amerikanischen Popkultur und erforscht den Einfluss von afrikanischer Spiritualität auf die amerikanische Gegenwartskunst. Regisseur Hardt ist seit jeher im dokumentarischen Film zu Hause, dessen Werke international Beachtung fanden. Der Film "Plan B vom glücklichen Leben" (2003), sein Porträt über zwei ehemalige Obdachlose auf ihrem Weg zurück ins bürgerliche Leben, wurde für den hessischen Filmpreis nominiert. Seine Dokumentation "Black Deutschland" über das Leben schwarzer Künstler in Deutschland wurde beim Hamburger World Media Festival mit Silber ausgezeichnet.

"The United States of Hoodoo" ist sein erster Film seit 2006, der eine intensive Vorbereitungszeit von vier Jahren in Anspruch nahm. Mit diesem Film beweist Hardt abermals sein Talent für informative, wahrhaftige Dokumentationen. Er entführt den Zuschauer in eine für die meisten völlig fremde Welt der afrikanischen Mythen und Legenden und hinterfragt den Einfluss von westafrikanischer Religion und Voodoo auf die amerikanische Kunst und Kultur der Gegenwart. Hardts Dokumentation lebt von seinem wichtigsten Protagonisten, Darius James, der auf unterhaltsame Weise durch den Film führt und als eine Art Moderator fungiert. Der Gegenstand des Films ist jedoch nur etwas für Menschen, die sich tatsächlich für das komplexe Thema interessieren und mehr darüber erfahren wollen. Alle anderen könnten den Film und (vor allem) seine Thematik wohl als zu schwer zugänglich empfinden.

Bis heute prägen uralte spirituelle Traditionen die afroamerikanische Kultur in den USA. Obwohl sie sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert haben, sind wesentliche Elemente noch immer in zeitgenössischer Musik und Theaterkunst zu finden. Der afroamerikanische Autor und Essayist Darius James, der lange in Berlin gelebt hat, begibt sich nach dem Tod seines Vaters auf die Suche nach seinen Wurzeln, beginnend mit der Maskensammlung und einer Pappschachtel mit der Asche des Vaters. Er möchte aber nicht nur mehr über seine eigene Vergangenheit sondern ebenso über die Wirkung afrikanischer Spiritualität auf die zeitgenössische US-amerikanische Kultur erfahren. Seine Reise führt ihn von New York aus zu Voodoo-Mythen und Legenden nach Mississippi, New Orleans und weiter nach Oakland, Seattle und Chicago.

Als Aufhänger für sein dokumentarisches Roadmovie nutzt Regisseur Hardt das persönliche Schicksal seines wichtigsten Protagonisten, Darius James, der vor allem für seine Essays über die Ursprünge amerikanischer Popkultur bekannt ist. Nach dem Tod seines Vaters kehrt James nach Jahren im Berliner Exil in sein Elternhaus nördlich von New York zurück. Den Ausschlag für seine Nachforschungen ergeben die Arbeiten und Werke seines Vaters, ein ehemaliger Maler, in denen James einen starken Bezug zu Formen afroamerikanischer Spiritualität zu entdecken glaubt. Im Haus der Eltern sieht er sich zudem mit weiteren Fragen zu seinen ganz persönlichen, individuellen Wurzeln konfrontiert. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, startet James seine Reise zu alten afroamerikanischen Bräuchen und Kulten, die ihn quer durch die USA führt.

Man merkt Darius James – der oft auch selbst im Bild zu sehen ist – zu jeder Zeit an, dass ihn auch seine eigene Geschichte und Vergangenheit und daher eine persönliche Motivation zu dieser Reise antrieb. Stets schildert er in den Gesprächen mit den unterschiedlichsten Personen, denen er auf seinem Roadtrip begegnet, seine subjektiven Gefühle, Wahrnehmungen und emotionalen Eindrücke. Dabei wird jederzeit deutlich, wie sehr sich James für die Materie begeistert und interessiert. Er fungiert als Gesprächspartner auf Augenhöhe und leistet eine wichtige, moderierende Orientierungshilfe für all die Zuschauer, die mit dem Thema nicht ausreichend vertraut sind. Die Art und Weise, wie James durch den Film führt (inklusiver ironischer Kommentare und Anspielungen) und die Verbindungen zu seiner eigenen Vergangenheit herstellt, lässt ihn wahrhaftig, voller Leidenschaft für die Thematik und darüber hinaus angenehm sympathisch erscheinen.

Auf seinem Trip durch die USA begegnet James bunten, interessanten, ganz unterschiedlichen Kultur-Schaffenden, Intellektuellen, Wunderheilern und Voodoo-Künstlern. Mit diesen führt James angeregte, informative Gespräche über Einfluss und Wirkung afrikanischer Legenden, Bräuche, Riten und Religion auf die heutige US-amerikanische Popkultur. Zu den Highlights dieser Begegnungen gehört das Aufeinandertreffen mit einer jungen Musikerin in Brooklyn gleich zu Beginn, die James mit ihrem beatgetriebenen, elektronischen Improvisationen begeistert und davon berichtet, wie sehr sie von ihrer haitianischen Heimat inspiriert wurde. Als hochinformativ und lehrreich gestaltet sich auch das Gespräch mit einer New Yorker Lehrerin, die James zum erst 1991 im Finanzdistrikt der Stadt wiederentdeckten Friedhof der Sklaven führt. Sie berichtet davon, dass in dem dicken Buch ihrer Grundschüler zur Stadtgeschichte die Sklaverei gerade einmal in zwei Absätzen abgehandelt wird. Die Suche nach den Ursprüngen amerikanischer Kultur führt James auch in den tiefen Süden der USA, zu den Blues-Mythen des Mississippi-Delta und nach New Orleans, der Voodoo-Hauptstadt und Wiege des Jazz. Hier führt er Gespräche über die Kunst des Voodoo-Zaubers, über den Polyrhythmus im Jazz und spezielle spirituelle Praktiken, etwa bei Beerdigungen.

An dieser Stelle des Films wird aber auch sein großes Problem deutlich: in relativ kurzer Zeit erfährt der Zuschauer sehr viel, fast zu viel über die Geschichte und Wirkung eben jener afrikanischer Mythen. Er sieht sich mit einer Unmenge an Details, Informationen und Menschen konfrontiert, die – vor allem auf den mit dem Thema weniger bewanderten Zuschauer – eine enorme Verwirrung ausüben und mitunter befremdlich wirken dürften. Der Film eignet sich daher in erster Linie für all diejenigen, die ernsthaft am Gegenstand der Handlung interessiert und bereit sind, sich knapp 100 Minuten auf diese (informative aber eben auch vielschichtige) Lehrstunde in Sachen Spiritualität einzulassen. Alle anderen könnten "The United States of Hoodoo" als zu schwer fassbar und wenig zugänglich empfinden. Dafür ist für viele die Welt der afrikanischen Mythen und Legenden schlicht zu weit weg und kaum greifbar.

FAZIT: "The United States of Hoodoo" ist eine informative, spannende Reise zu den Ursprüngen der US-Popkultur und behandelt ausführlich die Wirkung afroamerikanischer Bräuche und Rituale auf die heutige Kunst und Kultur in den Vereinigten Staaten. Der komplexe Gegenstand des Films ist jedoch nur etwas für Zuschauer, die sich ernsthaft mit der behandelten Materie befassen wollen. Denn "The United States of Hoodoo" ist schwere Doku-Kost und nichts für einen gemütlichen Filmabend.





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