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Kritik: Luks Glück (2010)


Die Deutschtürkin Ayse Polat befasst sich in ihrem ersten Film seit sechs Jahren mit den essentiellen Fragen des Lebens. Welche Bedeutung haben Familie, Freundschaft, Geld und Liebe im Leben? Wie erreicht man vollkommenes Glück? Und wie findet man eigentlich heraus, was einen im Leben glücklich macht und welcher individuelle Lebensweg für einen der Richtige ist? Auf all diese Fragen versucht Polat in ihrer mit sympathischen Figuren ausgestatteten, sommerlich-frischen Tragikomödie "Luks Glück" eine Antwort zu finden. 2004 gelang ihr mit dem Außenseiter-Drama "En Garde" ein beachtlicher (Kritiker-) Erfolg. Im selben Jahr wurde das Werk auf dem Filmfest von Locarno mit dem "Silbernen Leoparden" ausgezeichnet, im Jahr darauf erhielt es den Deutschen Kritikerpreis.

Im Anschluss an "En Garde" arbeitete Polat überwiegend am Theater und schrieb am Drehbuch zu "Luks Glück", der bereits im Jahr 2009 in Hamburg und der Türkei gedreht wurde. Eines wird bei "Luks Glück" schnell deutlich: Polat versteht es nach wie vor vorzüglich, herrlich verschrobene, liebenswürdige Außenseiten-Figuren zu porträtieren und deren Schwächen und Alltagsprobleme auf amüsante Weise nachzuzeichnen. Die mitunter arg konstruierte Handlung sowie die allgemeine Vorhersehbarkeit der Geschichte sorgen letztlich aber dafür, dass "Luks Glück" – im Gegensatz zu "En Garde" – leider nicht vollends überzeugen kann.

Der türkischstämmige Luk lebt mit seiner Familie in einer einfachen Hamburger Mietwohnung und stolpert als verträumter Trottel ohne jede Bodenhaftung und durchdachte Lebenspläne durch die Welt. Er ist meistens pleite, muss seine Mutter fürs Taxi-Geld anpumpen und hängt bei seinem Freund Anton ab, der mit seinem Leben ähnlich wenig anzufangen weiß wie Luk. Alles ändert sich schlagartig, als Luk und seine Familie als Tippgemeinschaft den Lotto-Jackpot knacken. Der 29-jährige Träumer will mit seinem Anteil eine CD mit der Amateursängerin Gül, seiner Ex-Freundin, produzieren. Er ist noch immer an Gül interessiert und hofft mit dieser Aktion, sie zurückzugewinnen. Dafür wendet er sich an seinen halbseidenen Cousin Cem, um in der Türkei ein Musikvideo zu drehen. Das Problem: Luks Eltern wollen mit dem Lottogewinn ein Hotel in der Türkei kaufen und benötigen dazu Luks Gewinnanteil.

Das große Plus von "Luks Glück" sind seine sonderbaren, ebenso bizarren wie sympathischen Figuren, die einem schnell ans Herz wachsen. In erster Linie natürlich der verträumte Loser und Taugenichts Luk, der von dem Schweizer Schauspieler René Vaziri hingebungsvoll und leidenschaftlich verkörpert wird. Luk bekommt trotz seiner 29 Lebensjahre fast nichts auf die Reihe und verbringt lieber die Zeit mit seinem ähnlich planlosen Freund Anton als sich z.B. auf Job- oder Wohnungssuche zu konzentrieren. Schon die erste Szene des Films, die Luk beim Date mit einer Chat-Bekanntschaft zeigt, sorgt dafür, dass man seine Loser-Attitüde – mit der er, so scheint es, zur Welt gekommen sein muss – schnell ins Herz schließt. Des weiteren überzeugen Aylin Tezel als lebensnahe und talentierte Amateurchanteuse Gül und Kida Khodr Ramadan als Luks unterbelichteter, naiver Cousin Cem, der – neben Luk – die meisten Lacher des Films auf seiner Seite hat. Die Szene, in der Cem, der in der Türkei seit jeher ohne Führerschein auf den Straßen unterwegs ist, den im Auto sitzenden Luk und dessen Familie auf die fehlende Fahrerlaubnis hinweist, gehört zu den komischsten des gesamten Films.

Solche Momente gelungener Situationskomik bietet der Film zuhauf. Ab dem Zeitpunkt des Lottogewinns nimmt er zudem ein gehöriges inszenatorisches Tempo auf. Dann geht es Schlag auf Schlag und der Film gewinnt an Fahrt: Die Pläne von Luks Familie ein Hotel in der Türkei zu kaufen werden schnell konkret, Luk plant im Eilverfahren die Umsetzung seines Musikprojektes und in der Türkei treffen schließlich alle Protagonisten aufeinander: Luk, der dort mit seiner Angebeteten Gül das Musikvideo drehen will und seine Familie, die sich das Hotel aus nächster Nähe ansehen möchte. Dieses hohe Tempo tut dem Film sehr gut und sorgt für etlich Verwirrung, Chaos und Ärger. Etwas, dass Luk aus seinem bisherigen Leben ja bestens kennt.

Leider schafft es der Film am Ende jedoch nicht, auf ganzer Linie zu überzeugen. Dies ist vor allem zwei Umständen geschuldet: Zum einen wirkt die Handlung trotz der vielen witzigen Situationen und skurrilen Momenten doch sehr unglaubwürdig und abstrus. Es mutet schon ein wenig kurios und diffus an, wenn Luk mit dem Lottogewinn, der ihm ein komplett neues und sorgenfreies Leben ermöglichen könnte, lediglich einer alten Verflossenen mit einem selbst produzierten Album und einem Musikvideo unter die Arme greifen will. Statt das Geld zu nutzen um aus seinem Leben etwas zu machen, verwendet Luk seinen Anteil um eine unreflektierte, spontane Idee in die Tat umzusetzen. Diesen Handlungsstrang nutzt Regisseurin Polat darüber hinaus, um einen (moralischen) Konflikt mit den Eltern zu kreieren und Fragen nach der Bedeutung von Geld und Liebe im Leben aufzuwerfen. Dies wirkt bemüht und überkonstruiert. Zumal die Antworten auf diese Fragen durch platte Aussagen und Dialoge ("Die eigenen Wurzeln darf man nicht vergessen" etc.) streckenweise sehr klischeehaft ausfallen.

Ein weiterer Störfaktor ist die Tatsache, dass wesentliche Teile der Handlung bereits nach etwa der Hälfte, wenn die versammelte Mannschaft in der Türkei eintrifft, vorhersehbar sind. Sei es die sich (erneut) anbahnende Liebesgeschichte zwischen Luk und Gül, der anders als geplant verlaufende Videodreh, die fragwürdigen Machenschaften des (Möchtegern-) Musikproduzenten oder das Verhalten von Luks Vater, der bald mehr Gefallen an einer dunkelhaarigen Schönheit als an seiner Familie findet.

Fazit: Trotz seiner vorhersehbaren Handlung und dem mitunter stark konstruierten Plot, ist Regisseurin Polat mit "Luks Glück" eine solide Sommerkomödie mit herrlich aufgelegten, frisch agierenden Darstellern gelungen.




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