VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Harodim - Nichts ist wie es scheint
Harodim - Nichts ist wie es scheint
© Terra Mater/polyband

Kritik: Harodim - Nichts ist wie es scheint (2012)


Drehbuchautor Paul Finelli hat sich in seinem Regiedebüt "Harodim – Nichts als die Wahrheit" den "9/11"-Anschlägen verschrieben und präsentiert in seinem fiktionalen Kino-Kammerspiel ein buntes, fantastisches, absurdes Spielbecken an Verschwörungstheorien. Dabei belässt es Finelli nicht bei einer kaum fundierten, aber mitunter interessanten Diskussion über die Anschläge des 11. Septembers, sondern sammelt alles zusammen, was eine Verschwörung auch nur im Entferntesten beinhalten könnte.
So ein Großangriff kann als grober Mix eigentlich nur untergehen – was er im Endeffekt auch tut, weil sich der Drehbuchautor nicht zu schade ist, auch noch den Illuminaten ihren "wohlverdienten" Platz im Spektrum "Harodim" zu geben. Zwar kann sich der österreichische Film damit preisen, dass der Zuschauer dem chaotischen Treiben fügsam folgt. Für mehr aber reicht es nicht, weil der Film maßlos und klugscheißerisch das eigentlich spannende Thema torpediert und der Zuschauer ganz schnell erkennt, dass hinter der „Verschwörung“ lediglich scheinheiliger journalistischer Unfug steckt.

"Harodim" möchte vor allem ein filmisches Gedankenspiel sein. Der Film kommt ohne Action aus und versucht sich als filmisches Theaterstück, welches seinem Zuschauer eine aberwitzige Geschichte erzählen will. Finelli baut ein fiktionales Szenario auf, in dem er erfundene Figuren mit historisch realen Personen in einen Raum wirft. Genau genommen steht auf der einen Seite des Geschehens der (fiktionale) ehemalige Anti-Terror-Soldat Peter und auf der anderen eine äußerlich veränderte Variante des zu seinen Lebzeiten meist gesuchtesten Mannes der Welt: Osama Bin Laden.
Ein solches Gedankenszenario hat durchaus seinen Reiz, vor allem weil Finelli seinen Schauplatz, einen geheimen Bunker unter einer Bahnstation, niemals wechselt und damit ein cineastisches Kammerspiel aufbaut, welches einzig auf seinen Dialogen beruht.

Im beengten Raum zwei Figuren zum Leben zu erwecken, erfordert eigentlich viel Fingerspitzengefühl im Sachen Komposition, Bildrhythmus und Timing. Doch trotz des filmischen Charmes einer Galileo-Mystery Sendung, gelingt es Finelli seine Zuschauer für seine ungewöhnliche Geschichte zu interessieren. Speziell in den ersten Minuten des Films kann er mit Hilfe gut geschriebener Dialolge sein größtes Problem - die nur sehr begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten seiner Darsteller - minimieren. Zwar fällt auf, wie stoisch und leiernd der Dialog zwischen Terrorist und Soldat an manchen Stellen seinen Fortgang sucht - dennoch bleibt der Zuschauer haften. Aufgelockert werden die endlosen Dialoge mit kleinen Einspielern von Interviewpassagen oder Filmszenen. Neben den Rückblenden, die den Charakter von Soldat Peter und dessen Beziehung zu seinem Vater beschreiben sollen, sind es vereinzelt angebliche "Belege" für die vorgetragenen Verschwörungstheorien.

Die (angebliche?) Intention des ungewöhnlichen Kammerstücks wird aber schon nach dem ersten Minuten untergraben. Laut eigenen Angaben möchte der Regisseur keine allgemeine Verschwörungstheorien oder gar die Ereignisse dess 11.Septembers 2001 thematisieren, sondern seine Zuschauer zum Nachdenken anregen und vermitteln, dass das, was die Medien uns tagtäglich zeigen, bei weitem nicht ungefiltert ist. Wir sollen selbst Skeptiker werden und uns unsere Meinung selbst bilden.
Diese Absicht ist edel, findet aber in "Harodim" nur auf dem Papier statt. Denn was Finelli tatsächlich veranstaltet, ist ein wüstes Abklappern unzähliger Verschwörungstheorien die immer größere, absurdere Kreise ziehen. Dies wäre noch nicht einmal gravierend, wenn Finelli die Aussagen diskutieren würde. Doch davon will „Harodim“ kaum etwas wissen.
Soldat Peter, der sich die unglaublichen Ausführungen von Osama Bin Laden anhört, der sich selbst als den „schwarzen Mann“ und eine Marionettenfigur der CIA bezeichnet, gibt ab und zu Widerworte, spricht vom "größten Bullshit, den ich je gehört habe" - ohne aber wirklich dagegen anzukämpfen. Unter wissenschaftlichen Standards wurden diverse Verschwörungstheorien um dem 11. September widerlegt, selbstverständlich blieben auch viele Teile offen, was die Diskussion weiter antreibt – doch um einen Diskurs dieser Theorien geht es nicht. Im Endeffekt wird dem Zuschauer eine ungemein absurde Masse an Verschwörungstheorien über die Entstehung der CIA, die Gründung der Al-Quaida und die angebliche Erschaffung einer neuen Weltordnung durch die Illuminaten verführerisch einfach vorgestrickt und mit plausiblen Politikparolen und philosophischem Kauderwelsch über die Essenz des Menschen verkauft. Das mag spannend klingen, ist aber in der Umsetzung und anbetrachts der eigentlichen Intention des ambitionierten Films grober Unfug.

Und so taugt "Harodim" zwar als kleiner Gedankenanstoß, entwickelt durch eine gute Drehbucharbeit auch einen gewissen Sog - kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Produktion einem schlecht gemachten TV-Film gleichkommt und die Schauspieler durch mangelnde Fähigkeiten nicht in der Lage sind, das Kammerspiel authentisch mit Leben zu füllen.

Fazit: Wenn schon, dann richtig: Die österreichische Produktion „Harodim – Nichts als die Wahrheit“ lässt keine Verschwörungstheorie aus. Ob die Entstehung von Al-Quaida, die CIA, Osama Bin Laden, die Anschläge des 11. September, ja sogar die ungemein beliebten Illuminaten erhalten ihren Platz in dieser von Regisseur Finelli mehr schlecht, als recht inszenierten Spielwiese für Verschwörungstheoretiker. Grober Unfug, der aber trotzdem seinen Reiz hat.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.