VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Life in Stills
Life in Stills
© Rise and Shine World Sales

Kritik: Life in Stills (2011)


Miriam Weissenstein ist 96 Jahre alt und leitet das berühmteste Fotogeschäft Israels. Trotz ihres hohen Alters betreibt sie den kleinen Laden noch voller Leidenschaft und organisiert – mit Hilfe ihres Enkels Ben – Ausstellungen auf der ganzen Welt, um die Fotos einer breiten Masse zugänglich zu machen. Denn das Tel Aviver Fotogeschäft birgt einen echten Schatz an historischen Bildern. Die alte Dame ist Hüterin von fast einer Millionen Bildern, die ihr mittlerweile verstorbener Mann Rudi Weissenstein in seiner langen Karriere als Fotograf schoss und damit die Geschichte des Landes Israel wie kein Zweiter fotografisch begleitete. "Life in stills" zeichnet ein berührendes und gefühlvolles Bild von Miriam Weissenstein und ihrem Enkel, die gemeinsam für den Erhalt des Geschäfts kämpfen und das Erbe von Rudi Weissenstein fortführen wollen. Inszeniert wurde "Life in stills" von der 32-jährigen Regisseurin und Fotografin Tamar Tal, die schon seit längerer Zeit ein besonderes Verhältnis zur Familie Weissenstein hat.

Bereits 2005 porträtierte sie Miriam Weissenstein und ihren Laden. Das Ergebnis war der 20-minütige Kurz-Dokumentarfilm "The Iron Lady and the Photohouse", mit dem sie ihr Filmstudium abschloss. Als sie einige Jahre später Miriams Enkelsohn Ben kennenlernte, erkannte sie schnell, dass es über diese außergewöhnlichen Menschen und ihr Leben noch viel mehr zu erzählen gibt. So entstand schließlich die knapp 60-minütige Dokumentation "Life in stills", die bereits eine beachtliche Festival-Karriere rund um die ganze Welt hinter sich hat und dabei ein Dutzend Jury- und Publikumspreise gewann. Nun startet der informative, hochinteressante Film auch in den deutschen Kinos und wird damit verdientermaßen einer breiten Masse zugänglich.

Als Rudi und Miriam Weissenstein 1940 ihr kleines Fotogeschäft in der Allenbystraße in Tel Aviv eröffneten, konnten sie nicht voraussehen, dass Rudi bald zum bekanntesten Fotografen Israels und ihr Laden eine Institution werden sollte. Auslöser war der Tag der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948, an dem Rudi sein berühmtestes Foto machte: Ben Gurion proklamierte den Staat Israel – und Rudi war der einzige zugelassene Fotograf vor Ort. Es dauerte nicht lange und er fotografierte alle großen Politiker des Landes. Er wurde zu allen wichtigen gesellschaftspolitischen Ereignissen eingeladen und schuf so im Laufe der Jahrzehnte einen kostbaren Schatz an Bildern, Fotografien und Porträtaufnahmen aus den prägenden Jahren Israels. Heute führt Rudis Frau Miriam das Geschäft zusammen mit ihrem Enkel, schlägt jedes Kaufangebot ab und organisiert Ausstellungen in aller Welt.

Regisseurin Tamar Tal setzt mit "Life in stills" den Weissensteins und ihrem Lebenswerk ein leises, hochemotionales filmisches Denkmal, das einen zu gleichen Teil berührt und zum Lachen bringt. Denn so bewegend die Lebensgeschichte der Weissensteins und so hart der Kampf um den Erhalt des Fotogeschäfts ist, genauso amüsant und unterhaltsam ist die Art und Weise, wie die zerbrechliche Greisin und ihr Enkel miteinander umgehen. "Life in stills" zeigt eine schwerhörige, streitbare, oft mürrische Frau, die trotz ihres hohen Alters immer noch gerne angeregt mit ihrem Enkel diskutiert und zu allem eine eigene Meinung hat. An ihrer Seite steht der kluge, verständnisvolle Enkel Ben, der sich trotz aller Meinungsverschieden-heiten liebevoll um seine störrische Oma kümmert. Denn beide verbindet schließlich ein großes Ziel: der Kampf um das Vermächtnis von Rudi Weissenstein.

Die Kamera ist stets ganz dicht bei den Beiden und zeigt sie beim gemeinsamen Arbeiten im Laden, wie sie im Team die nächste Ausstellung organisieren und sich für den Erhalt des Geschäfts einsetzen, das einem Neubau weichen soll. In jeder Szene wird dabei die enge Verbundenheit und Zuneigung zwischen Großmutter und Enkel deutlich, woran auch die unzähligen Diskussionen und Streitgespräche nichts ändern. Das wird beim Besuch der Oma in der neuen Wohnung von Ben ebenso deutlich wie beim gemeinsamen Besuch einer Fotoausstellung in Frankfurt. Dass sich Miriam darüber hinaus stur weigert, die Homosexualität ihres Enkels zu akzeptieren, ist bezeichnend für ihren doch schwierigen Charakter. Ben nimmt diesen Umstand mit der für ihn typischen Gelassenheit und lacht darüber. Auch das ist bezeichnend. "Life in stills" zeigt aber ebenso ein Stück bedeutende israelische Geschichte und lässt wichtige historische Etappen des Landes in den unzähligen, kostbaren Schwarz-Weiß-Fotos sowie seltenen Super-8-Aufnahmen wieder aufleben. Der Film ist mit 58 Minuten sehr kurz geraten, aber er konzentriert sich nur auf das Wesentliche und verzichtet auf unnötige Füllszenen und nichtssagende Momentaufnahmen. Dieser Umstand ist Tamir Tal hoch anzurechnen, verfügte sie doch über 250 Stunden Filmmaterial, aus denen sie das Wichtigste herausgearbeitet hat. "Life in Stills" ist darüber hinaus ein Film über die Geschichte Israels geworden, der ausnahmsweise einmal nicht die hinlänglich bekannten politischen Probleme des Landes wie den Nahost-Konflikt thematisiert – eine angenehme und willkommene Abwechslung.

Fazit: In berührenden Bildern und auf sensible Weise porträtiert die Dokumentation "Life in stills" zwei außergewöhnliche Menschen, die trotz aller Unterschiede und verschiedener Sichtweisen gemeinsam leidenschaftlich für dasselbe Ziel kämpfen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.