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300 Worte Deutsch
300 Worte Deutsch
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Kritik: 300 Worte Deutsch (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Culture-Clash-Komödie von Regisseur Züli Aladag lotet die Gräben zwischen Integrationsziel und Realität im deutsch-türkischen Alltag aus. Mit deftigem satirischem Biss demaskiert sie Vorurteile und Chauvinismus auf beiden Seiten und zeigt am Beispiel von Vertretern der jüngeren Generation, wie man es besser machen könnte. Die türkischen Mitbürger müssen sich in dieser pointiert an der Wirklichkeit orientierten Geschichte mit zwei verschiedenen Problemen herumschlagen: mit einem erklärten Ausländerfeind in behördlicher Position, der von Integrationshilfen nichts hält, und mit ihren eigenen Eltern. Letztere betätigen sich gerne als Heiratsvermittler und erwarten von den Kindern Gehorsam im Namen der Tradition.


Lale und Marc führen als romantisches Paar vor, dass es sich durchaus lohnt, den Culture-Clash gründlich auszufechten. In witzigem verbalen Schlagabtausch werfen sie sich gegenseitig Engstirnigkeit und klischeehaftes Denken vor, missverstehen sich und erkennen doch nur, dass sie zueinander stehen wollen. Aladag, der auch die Rolle des Heiratskandidaten Murat übernimmt, inszeniert das Drehbuch, das unter anderem von Ali Samadi Ahadi ("Salami Aleikum") stammt, als spannendes Geflecht aus provokanten und versöhnlichen Tönen. Selten sieht man in einer Komödie einen so unverblümt auftretenden Scharfmacher wie den Bürokraten Dr. Sarheimer. Christoph Maria Herbst spielt ihn mit kabarettistischem Ernst als kleines Würstchen, das geistig eisern blockiert ist und über "Kanaken" und "Kopftuch-Ayses" schimpft. Diese Deutlichkeit, mit der ausländerfeindliche Haltungen ausgesprochen werden, sorgt für starke Reibung, verleiht dem Stoff aber auch Glaubwürdigkeit und Relevanz.


Auch die Konflikte der jungen Deutschtürken mit ihren Angehörigen werden ungeschminkt thematisiert. Die Traditionen der Elterngeneration hindern viele daran, ihren eigenen Weg zu gehen. Die Varianten der Pärchenbildung werden in sehr hübschen Nebenrollen durchdekliniert, mit überzeugenden Charakteren wie einer importierten Braut (Sükran Pelin Öztekin), die ihre Körperfülle mit fröhlicher Vitalität verteidigt. Bemerkenswert sind auch die witzige Einleitung und die nicht minder pfiffige Schlussmontage. Dort tanzen Sarheimer und die anderen zu einem Lied, das vom Nebendarsteller Semih Yavsaner stammt: "Ich bin nervöse fremde Mann. Ich bin ein Ausländer (…) Die Menschen schauen mich an, als wäre ich ein Orang-Utan, was habe ich ihnen getan?"

Fazit: Die gut gelaunte, satirisch zugespitzte Komödie verteilt im deutsch-türkischen Culture-Clash den Hardlinern beider Seiten Minuspunkte und bahnt dem Integrationsgedanken eine romantisch gefärbte Schneise. Provokanter Dialogwitz, der authentische Kern der Milieus und ihrer Charaktere und der versöhnliche Grundton sorgen für pfiffige Unterhaltung.




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