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FBW-Bewertung: Elser (2014)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Jeder weiß, dass der Mann scheiterte! Deswegen baut Oliver Hirschbiegel auch keinen Spannungsbogen um das Hitler-Attentat von Georg Elser am 8.November 1939 herum auf. Stattdessen beginnt er zügig und in zurückhaltenden Einstellungen damit, wie sein Titelheld die Bombe im Münchner Bürgerbräukeller einbaut und den Zeitzünder in Gang setzt. Es gibt kurze Sequenzen von der Versammlung, in denen Hitler nur kurz aus der Distanz gezeigt wird, man sieht Elser bei seinem eher halbherzigen und ungeschickten Fluchtversuch über die Grenze in die Schweiz, wie er verhaftet wird und erfährt, dass er nicht den Führer und die NS-Führungsriege, sondern unschuldige Passanten getötet hat ? und danach fängt der Film erst wirklich an.

Diese sachlich, betont undramatische Darstellung ist wie ein Gegenentwurf zu Hirschbiegels düster theatralischem Hitler-Porträt DER UNTERGANG. Dessen extrem kontroverse Rezeption scheint eine Lehre für Hirschbiegel gewesen zu sein, denn hier nähert er sich viel sorgfältiger, man kann auch sagen mit Demut, der deutschen Vergangenheit. Er will zeigen, was einen lebenslustigen, jungen Mann, den die Frauen mögen, der in der Kneipe Musik macht und ein im Grunde angenehmes Leben als Handwerker in Süddeutschland führt, dazu bringt, als einer der ganz wenigen die Ausmaße des Unheils vorherzusehen, in das Adolf Hitler die Welt führen wird. Und der daraus die Konsequenzen zieht. Und er zeigt, welchen Preis Georg Elser dafür zahlt, denn zu einem großen Teil spielt der Film in den Zellen und Verhörräumen, in denen er befragt, unter Druck gesetzt und gequält wird. Diese Leidensgeschichte des Gefangenen wird zwar erschreckend realistisch, aber nie spekulativ brutal in Szene gesetzt. Die beste Sequenz des Films gelingt Hirschbiegel, wenn die Kamera mit einer Protokollführerin vor der Folter den Verhörraum verlässt und er nur ihr Gesicht zeigt, wenn sie auf dem Gang sitzend ein Buch liest, während man Elser immer lauter schreien hört.

In einer durchgängigen Parallelmontage wird von diesen Szenen zu Rückblenden geschnitten, indenen Elsers Leben unter Hitler in seinem kleinen idyllischen Heimatdorf gezeigt wird. Dort entwickelt sich die Herrschaft der Mitläufer. In der Ortskneipe werden die Nazis lauter und die Kameraden des Rotfrontkämpferbundes, mit denen Elser sympathisiert, verstummen nach und nach. Die Leute sind vorsichtig in dem, was sie sagen und schleichend setzt sich im Dorf der nationalsozialistische Geist durch. Dann wird eine Frau dazu gezwungen, mit einem Schild um den Hals auf dem Marktplatz zu sitzen, und viel schlimmer als die Häme auf einigen Gesichtern ist die Gleichgültigkeit der vielen anderen, die sich abwenden und ganz zufrieden mit den Zuständen im Land sind. Diese Normalität des Bösen ist das wirklich erschreckende an Hirschbiegels Film. Zum Widerstand ist nur ein einziger bereit, den Christian Friedel nicht wie einen politischen Märtyrer, sondern als einen furchtlosen, freiheitsliebenden Rebellen spielt. ?Es hätte auch keiner mitgemacht? sagt Elser später dann im Gefängnis. Ein vernichtendes Urteil.



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