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Kritik: Room 237 (2012)


In Genre-Fachkreisen gilt Stanley Kubricks ("2001 – Odyssee im Weltraum") Film "Shining" als vielleicht das Meisterwerk des Horrorfilms überhaupt; und die Performance von Jack Nicholson, in der Rolle des vom schleichenden Wahnsinn befallenen Schriftstellers Jack Torrance, als unerreicht. Der Film, der auf dem gleichnamigen Roman des Horror-Papstes Stephen King basiert, wurde in den letzten drei Jahrzehnten hin und her analysiert. Filmemacher Rodney Ascher widmet sich in seiner Doku "Room 237" ebenfalls diesem Werk und begibt sich zum Teil damit auch auf eine Tour der besonderen Wahrheitsfindung; hierzu lässt er in Interviews eine Reihe nicht ganz alltäglicher Personen zu Wort kommen, die eine sehr spezielle Sicht auf diesen Film haben.

Die cineastischen Interpretationen "Shinings" mögen vielfältig ausfallen; einig sind sich die meisten Fachleute aber zumindest darin, dass in Kubricks Meisterstück, jenseits des Augenscheinlichen, im besonderen Maße auch die Wechselbeziehungen zwischen Schein und Sein im Allgemeinen sowie von Realität und Illusion, der inneren wie äußeren Wahrnehmung, behandelt werden. Jenseits der Grenzen des (gesunden) Menschenverstandes beginnen sich dann jene Abgründe aufzutun, die der Regisseur in den bekanntermaßen ausdrucksstarken bis hin surreal-psychedelischen Bildern wiederzugeben versuchte. Allerdings hat er seinen Film auch mit derart viel metaphysischen Symboliken vollgepackt, dass noch andere Deutung möglich wurden.

Jenseits von Türen und Fenstern in Räumen, die in dieser Richtung schon aus Gründen simpler Logik keine aufweisen dürften oder einer Tour auf einem Dreirad, die physikalisch gar nicht möglich wäre, da sie über mehrere Etagen führen würde, findet ein harter Kern von Verschwörungstheoretikern Hinweise, die darauf deuten, dass Kubrick dem Zuschauer ein Geheimnis von globaler Bedeutung zwischen den Zeilen enthüllen wollte. Gemeint ist die Mondlandung, die nach dem Glauben dieser Menschen nie stattgefunden hat und von der Regierung der USA inszeniert wurde. Und der Mann, der bei diesem gigantischen Betrug auf dem Regiestuhl saß, soll eben Kubrick gewesen sein.

Der Meister selbst wird darüber nicht mehr Auskunft geben könnten. Kubrick verstarb im Jahre 1999. Die Verschwörungstheoretiker, die in "Room 237" auftreten, versuchen nun ihrerseits mit minutiöser Akribie (die kurioserweise an jene Besessenheit erinnert, die Kubrick bei den Dreharbeiten oft an den Tag legte, als er manch eine Szene dutzend- oder gar über hundertmal wiederholen ließ) hierfür Beweis zu führen. Und wenn das mit der Mondlandung nicht unbedingt einleuchten will, wären da immer noch die versteckten Bezüge auf die Ausrottung der nordamerikanischen Indianer oder in Richtung des Naziterrors, die jeder, der bereit ist (unvoreingenommen) zu sehen, nach ihrem Dafürhalten, zu entdecken vermag.

Trotz der Anteile, die diese Thesen in Aschers Film einnehmen, ging es dem Regisseur letzten Endes aber nicht darum, den Mythos von "Shining" über die rein filmische Ebene hinaus noch weiter aufzubauschen. Asher bleibt in seiner Position zudem neutral. Die zahlreichen Interpretationen sind letzten Endes ohnehin der Beschränkung geschuldet, der jeder Mensch unterworfen ist: der Subjektivität seiner individuellen Wahrnehmung, reflektiert durch einen Verstand, der durch eine bestimmte Sichtweise auf die Welt etwas zu sehen vermeint – oder auch nicht.

Ascher setzt mit "Room 237" (der nach dem verfluchten Zimmer benannt wurde, dass sich in dem Overlook-Hotel befindet das in "Shining" Dreh- und Angelpunkt des Horrors ist) Kubricks Film aber ein hochverdientes Denkmal. Die einzigartigen Qualitäten dieser visionären Arbeit werden dabei zu Recht hervorgehoben. Schließlich ist "Shining", jenseits von mitunter kruden Deutungen, eben vor allem ein genial-wahnhafter Trip durch die Strukturen eines sich sukzessiv auflösenden menschlichen Verstandes, der mit seinen beabsichtigten Logikbrüchen eine ganz neue filmische Erfahrungswelt kreiert. Und bis heute gibt es wohl kaum einen Horrorregisseur, der nicht die eine oder andere kreative Anleihe bei diesen eingesetzten Techniken nehmen würde.

Fazit: Wem "Shining" kein Begriff ist, oder wer mit Horrorfilmen so gar nichts anzufangen weiß; und über Verschwörungstheorien nur müde lächeln kann; der kann sich "Room 237" getrost schenken. Allen anderen sei diese intelligente Doku ans Herz gelegt – idealerweise nach einer erneuten "Shining"-Sitzung.




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