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Crulic - Weg ins Jenseits
Crulic - Weg ins Jenseits
© barnsteiner-film

Kritik: Crulic - Weg ins Jenseits (2011)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Auf eine ganz besondere Art der technischen Umsetzung setzt die rumänische Filmemacherin Anca Damian in ihrer auf wahren Ereignissen beruhenden Dokumentation "Crulic". Der Film behandelt das Leben und Schicksal eines zu Unrecht in Polen inhaftierten Rumänen, der aufgrund seiner Verhaftung in den Hungerstreik trat. Ohne dass sich die polnische Justiz sonderlich darum bemühte, den Fall näher zu untersuchen, verstarb der junge Mann auf tragische Weise 2008 an Folgen der Unterernährung. Er wurde 33 Jahre alt. Der Fall erregte damals großes nationales Medieninteresse.

Jetzt, fast sechs Jahre nach seinem Tod, gewährt Regisseurin Damian dem verstorbenen Crulic die Möglichkeit, den kompletten Vorfall und die Haft-Zeit aus seiner eigenen Sicht zu schildern – posthum sozusagen. Sie nutzt dazu nicht nur eine angenehm pointiert-ironische Off-Kommentierung sondern auch eine ausgefallene künstlerische Umsetzung, die sich unterschiedlicher Animationstechniken bedient. So entsteht eine scharfsinnige und großartig animierte Dokumentation, die den ernsten Hintergrund der tragischen Geschichte vielschichtig aufbereitet, auch wenn am Ende das ein oder andere Fragezeichen doch bleibt.

Die Verblüffung ereilt den Zuschauer bereits nach wenigen Sekunden, wenn sich der Verstorbene höchstpersönlich aus dem Jenseits zurückmeldet und sich selbst als (ungemein offener und ironischer) Off-Kommentator der tragischen Vorfälle und Ereignisse betätigt. Er schildert die Umstände aus seiner Sicht und lässt den Zuschauer am Martyrium des Hungerstreiks dadurch noch intensiver teilhaben. Dass der Körper von Crulic im Zuge des Streiks immer weiter abbauen musste war klar. Dass sein Geist und Verstand jedoch zu jeder Zeit hellwach waren, verdeutlichen die bissigen, intelligenten Kommentare des Toten, im Original gesprochen von dem rumänischen Schauspieler Vlad Ivanov. Das eigentlich Besondere an "Crulic" ist dann aber vor allem seine künstlerische Gestaltung und visuelle Aufbereitung. Regisseurin Damian bedient sich unterschiedlicher Animationstechniken, von klassischem Zeichntrick über 3D-Tricks bis hin zu Stop-Motion oder aufwändigen Collagen. Eine fraglos ungewöhnliche, aber visuell herausragende und für eine Dokumentation ganz spezielle und mutige Form der Umsetzung einer.

Ein paar Fragen bleiben am Ende des Films dann aber doch: Sieht Damain ihren Film als Anklage gegen das polnische Justizsystem im Allgemeinen oder will sie nur auf diesen Einzelfall verweisen? Gab es also in der Vergangenheit ähnliche Fälle und Schicksale? Und wieso greift der unschuldige und zu unrecht inhaftierte junge Mann schon gleich am ersten Tag auf eine solch radikale Maßnahme wie den Hungerstreik zurück? Dies alles sind Fragen, auf die der Film durchaus die ein oder andere Antwort hätte geben können. Und dass der Film am Ende darauf verweist, zwar auf wahren Ereignissen zu beruhen, aber aus dramaturgischen Zwecken Einzelheiten verändert zu haben, hinterlässt ein ebensolches Fragezeichen. Aufgrund der amüsanten, da ironischen, Untertöne und der verblüffenden Optik, ist "Crulic" dennoch unbedingt sehenswert.

Fazit: Aufrüttelnde, pointiert-ironische Animations-Doku, die mit ihrer besonderen visuellen und künstlerischen Umsetzung punktet.




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