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Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern
Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern
© Salzgeber & Co

Kritik: Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Peter Liechti ist ein unkonventioneller Filmemacher aus der Schweiz, der bekannt ist für seine filmischen Experimente. Vor zehn Jahren überraschte er mit dem dokumentarisch umgesetzten Selbstversuch "Hans im Glück". Der Zuschauer konnte Liechti bei dem Versuch beobachten, von Zigaretten (bis zu 50 am Tag) loszukommen. Ebenso ungewöhnlich ist nun sein neuester Film, die Dokumentation "Vaters Garten". Hier versucht der Regisseur, sich einem komplexen Konstrukt anzunähern, das bereits seit mehr als 60 Jahren Bestand hat: die Ehe seiner Eltern. In "Vaters Garten" befragt er seine beiden über 80-jährigen Eltern nach deren Leben und ihrer Beziehung zueinander und schafft so einen intimen Einblick in eine von gegenseitigem Respekt geprägte Beziehung.

Die Motivation für seinen Film, gibt Liechti gleich zu Beginn bekannt. Als er seinen Vater vor zwei Jahren nach langer Zeit auf der Straße unerwartet wieder traf, war es den Beiden nicht möglich, sich – wie Vater und Sohn – zu umarmen. Liechti nutzt seinen Film, um u.a. diesem Vorkommnis auf den Grund zu gehen. Dazu nutzt er einen dokumentarischen Ansatz, um zunächst einmal herauszuarbeiten, was für ein Mensch der Vater eigentlich genau ist. Schnell wird deutlich, dass Vater und Mutter nicht unterschiedlicher sein könnten. Dies erschließt sich für den Zuschauer vor allem anhand der Alltagsbeobachtungen, die Liechti mit seiner Kamera macht. Diese ist dabei, wenn sich der Vater um akkurate Ordnung und Übersichtlichkeit in seinem Garten bemüht und beobachtet, wie die Mutter Hemden bügelt und sich um den Haushalt kümmert – und währenddessen davon spricht, wie wichtig ihr der Glaube sei und welchen Halt ihr Gott im Leben gebe.

Auf der einen Seite steht der ordnungsliebende, reaktionäre Vater, der es seiner Frau mit seinen konservativen Ansichten und Weltanschauungen ("die Frau gehört nicht in den Arbeitsprozess") nicht immer leicht macht. Auf der anderen Seite die streng religiöse Mutter, die – so scheint es bisweilen – nur noch für den Glauben zu leben scheint und häufig von Themen wie Lebenssinn und Einsamkeit spricht. Es ist durchaus interessant und nicht ohne Spannung zu beobachten, wie diese zwei grundverschiedenen Persönlichkeiten seit so langer Zeit schon miteinander auskommen – und welcher Tricks sie sich bedienen, um den Alltag gemeinsam zu bewältigen. Heraus kommen dabei amüsante Dialoge und heitere Ansichten ("Ich weiß zwar nicht was er denkt, aber ich habe den Max wahnsinnig gern"), die zum Schmunzeln einladen.

Um auch schwierige Themen und unangenehme Inhalte zu thematisieren, installiert Liechti in seinem Film noch einen zweiten Handlungsort: ein Kasperltheater. Darin lässt er die Eltern als Hasenpuppen auftreten und reale Dialoge und tatsächliche Begebenheiten nachinszenieren. Passend dazu stiften ungewöhnliche Sound-Effekte und Musik Verwirrung und bringen ein wenig – gewollte – Unordnung in den so streng geordneten, stoisch gelebten Alltag der beiden Rentner. Experimentelle Bestandteile, die letztlich Geschmackssache bleiben und jeder Zuschauer muss für sich selbst entscheiden, ob er diesen unkonventionellen Methoden etwas abgewinnen kann. Ungewöhnlich sind sie allemal, weshalb Liechti mit seinem neuesten Werk seinem Ruf als außergewöhnlicher Filmemacher treu bleibt.

Fazit: Intimer, gefühlvoller Einblick in eine ungewöhnliche Beziehung zweier grundverschiedener Persönlichkeiten. Die experimentellen Elemente wie Puppentheater und ausgefallene Sounds bleiben indes Geschmackssache.




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