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Computer Chess
Computer Chess
© Kino Lorber

Kritik: Computer Chess (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Zum Jahresende kommt mit "Computer Chess" von Indie-Regisseur Andrew Bujalksi einer der experimentellsten und ungewöhnlichsten Filme der letzten Monate in die Kinos. Als Dokumentation über längst vergangene Heimcomputer-Frühzeiten getarnt, ist "Computer Chess" eine liebevolle, ästhetisch herausragende Hommage an die Technik der frühen Achtziger Jahre sowie die verschrobenen, sozial zurückgebliebenen Informatiker jener Tage, die in ihrer ganz eignen Welt aus Bits, Bytes und Algorithmen-Bäume leben. "Computer Chess" lief in diesem Jahr bereits erfolgreich auf dem renommierten Sundance-Festival und der Berlinale. Regisseur Bujalksi bedient sich für seine Huldigung dieser Steinzeit-Ära der Heimcomputer einer ganzen Reihe an komödiantischen Elementen, ohne seine Figuren dabei der Lächerlichkeit preiszugeben. "Computer Chess" begeistert aber in erster Linie durch den famosen Retro-Look und den nostalgischen 80er-Charme.

Die Illusion gelingt "Computer Chess" perfekt. Unscharfe, mit einer Sony-Handkamera gefilmte Bilder, die den Beginn einer Experten-Tagung zum Thema "Computer-Schach" einfangen, vermitteln den Eindruck, hier tatsächlichen Ereignissen beizuwohnen. Hinzu kommt der authentische Look der Teilnehmer: Strick-Pullis, biedere Seitenscheitel, dicke Brillen. Es sind technikbegeisterte PC- und Schach-Liebhaber, die hier zusammengekommen sind, und genau so sehen sie auch aus. Als Zuschauer wähnt man sich in den frühen Achtziger-Jahren und es entstehen keinerlei Zweifel an der Echtheit der Geschehnisse, wüsste man nicht, dass es sich bei "Computer Chess" um einen fiktiven Film über eine längst vergangene Zeit handelt. Auch die weiteren, von Regisseur Bujalksi eingesetzten technischen Stilmittel (4:3-Format, geteilte Bildschirme, verwaschene Aufnahmen) fügen sich perfekt in die (optische) Täuschung dieser Fake-Dokumentation ein.

Dazu füttert Bujalksi seinen Film mit einer ganzen Reihe an tollen, komödiantischen Ideen. Etwa, wenn Michael Papageorge, einer der Teilnehmer des Wettbewerbs, händeringend nach einem Schlafplatz im restlos ausgebuchten Hotel sucht oder wenn sich eine wahre Katzen-Plage in der billigen Absteige breitmacht – die nerdigen Bewohner dies aber nicht wahrzunehmen scheinen, da sie nur mit dem nächsten Computer-Duell oder einer Fach-Diskussion über künstliche Intelligenz beschäftigt sind. Diese Einfälle setzt Bujalski als Running Gags ein, die einem im Laufe des Films immer wieder erfreuen. Auch gelungen: der Einfall, die Programmierer im Hotel auf eine sekten-ähnliche Selbsterfahrungs-Gruppe treffen zu lassen. An dieser Stelle lässt "Computer Chess" zwei Welten kollidieren: reaktionäre Nerds, die der (damaligen) Nischengesellschaft der Programmierer angehören, begegnen einem esoterisch-orientierten, konträren Schlag Mensch, der eher auf Selbstheilung und Emotionen setzt als auf Intelligenz, Computer oder gar Schach.

Fazit: Liebevolle, optisch brillant umgesetzte Hommage an die Frühzeit der Heimcomputer-Ära zu Beginn der Achtziger, die dank des famosen Retro-Looks gekonnt den Eindruck einer tatsächlichen Dokumentation vermittelt.




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