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Kritik: Der geheime Garten (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Der geheime Garten" zählt zu den berühmtesten Werken der 1849 im englischen Manchester geborenen Schriftstellerin Frances Hodgson Burnett. Deren Karriere begann allerdings erst nach ihrer Übersiedlung in die USA. Wie "Sara, die kleine Prinzessin" (1888) und ihr hierzulande wohl bekanntester Roman "Der kleine Lord" (1886) wurde auch Hodgson Burnetts 1911 erschienenes Kinderbuch gleich mehrfach verfilmt. Darunter finden sich herausragende Umsetzungen wie Fred M. Wilcox' Bearbeitung aus dem Jahr 1947 und die von Agnieszka Holland aus dem Jahr 1993. Nun wagt sich der Regisseur Marc Munden an den Stoff. Bisher punktete Munden hauptsächlich mit anspruchsvoller Fernsehunterhaltung.

Munden, der in seiner mehr als 30-jährigen Karriere bereits drei BAFTA TV Awards erhalten hat, führte bei Serien wie "Utopia", "Black Sails" oder "Quantico" Regie. Darin geht es durchaus düster zu. Ein wenig davon überträgt er nun auch auf seine Kinderbuchverfilmung. Bereits die Fahrt durch die nordenglische Moorlandschaft mutet wie aus einem Gruselfilm an. Und auch das Herrenhaus, das sich dort erhebt, erinnert in Ausstattung und Ausleuchtung mehr an ein Spukschloss als an ein Zuhause. Seine Bewohner wirken wie Geister und nicht wie Menschen aus Fleisch und Blut. Der Film erzählt hier von Trauer und Vereinsamung, die sich in den Handlungsorten und Figuren spiegeln. Mit dem Neuankömmling kommt endlich wieder Leben ins Haus. Der titelgebende Garten blüht auf und die Farbpalette des Films lichtet sich.

Wer die Vorlage kennt, wird einige Änderungen feststellen. Dafür zeichnet der Drehbuchautor Jack Thorne verantwortlich. Dessen Adaption der Jugendbücher um die Nachwuchsdetektivin Enola Holmes sorgt unter der Regie von Harry Bradbeer gerade auf Netflix für Furore. Auch seine Protagonistin in "Der geheime Garten" begeistert. Bei Thorne darf sie Bäume erklimmen und sich richtig schmutzig machen. Zudem hat er die Handlung ins Jahr 1947 versetzt, was in erster Linie dazu dient, den Cast diverser zu gestalten. Figuren wie den liebenswert schrulligen Gärtner Weatherstaff und Martha und Dickons liebende Mutter Susan Sowerby, die eine Verfilmung unnötig in die Länge ziehen würden, hat Thorne kurzerhand komplett gestrichen; dafür einen Hund als Spielkameraden dazuerfunden. Überhaupt kommen in seiner Version die Erwachsenen nicht annähernd so gut weg wie bei Hodgson Burnett. Das dient natürlich der dramatischen Zuspitzung, wie auch das furiose Finale und eine in der Vorlage nicht vorkommende (Erb-)Krankheit der Verfilmung gegenüber ihrer Vorlage deutlich mehr Schwere und Spannung verleihen.

Themen wie Einsamkeit, Depression und Tod machen aus dieser Adaption einen sehr erwachsenen Kinderfilm. Weil diese Themen aber behutsam und mit Bedacht erzählt werden und der Film seine jungen Protagonisten jederzeit ernst nimmt, ist das Ergebnis für Groß und Klein sehr sehenswert. Echte Hingucker sind die Bilder von Kameramann Lol Crawley, die gemeinsam mit den computergenerierten Bildern für fantastische Übergänge sorgen. Die Wechsel zwischen Indien und England, zwischen der Erinnerung an die Vergangenheit und der Gegenwart und zwischen Realität und Imagination sind fließend. "Der geheime Garten" bietet fantasievolles Kopfkino für Kinder und erzählt dabei von Kindern, die einer kalten Erwachsenenwelt ihre Wärme entgegensetzen.

Fazit: Die filmische Neuauflage des Kinderbuchklassikers "Der geheime Garten" kommt mit einigen Änderungen daher. Das Ergebnis aus der Feder von Jack Thorne und unter der Regie von Marc Munden ist ein visuell fantasievoller und ein erzählerisch erwachsener Kinderfilm, der behutsam ernste Themen behandelt, Rollenbilder infrage stellt und auf die heilende Kraft der Gemeinschaft setzt. In diesem Film bringen die Kleinen den Großen etwas bei.




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