VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Der Kongress (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Lose basierend auf Stanislaw Lems Roman "Der futurologische Kongreß" entwirft Ari Folman ("Waltz with Bashir") in seinem Film "The Congress" eine Vision des zukünftigen Hollywoods. Nachdem Kameramänner durch neue Technologien überflüssig geworden sind, sollen nun Schauspieler digitalisiert werden. Für die Studios hat dieses Vorgehen Vorteile: Keine langwierigen Verhandlungen mit den Agenten, keine zickigen Stars, die Pressetermine verpassen oder Auftritte absagen, keine Störung der Dreharbeiten mehr. Stattdessen entstehen Filme am Computer. Robin (Robin Wright) hat hingegen Zweifel, ob sie dieses Spiel mitmachen will. Sie befürchtet, dass ihr damit nicht nur ihre Entscheidungsfreiheit, sondern auch ihre Menschlichkeit genommen wird. Es ist ihr gutes Recht, schlechte Entscheidungen zu treffen und Fehler zu begehen. Dadurch wird sie erst zu der Schauspielerin und dem Menschen, der sie ist. Doch die andere Alternative wäre ein Ende ihrer Karriere. Also willigt sie ein und kümmert sich fortan vor allem um ihren Sohn (Kodi Smith-McPhee), der das Usher-Syndrom hat und ihre Aufmerksamkeit braucht.

Ari Folman entwirft in dem ersten Teil eine verstörende Vision der Zukunft Hollywoods, deren Schrecken vor allem in der hohen Wahrscheinlichkeit liegt, mit der sie eintritt. Schon heute zählen Einspielergebnisse mehr als künstlerischer Erfolg, entscheiden Studios sich lieber für das ökonomisch sichere Sequel als neue Ideen zu fördern und ordnen künstlerische Entscheidungen den Notwendigkeiten des Finanziellen unter. Dass mit fortschreitender technologischer Entwicklung dann auch Schauspieler digital ersetzt werden, ist seit "Avatar" gar nicht unwahrscheinlich. Mit geschickten Anleihen an Robin Wrights tatsächliche Karriere trägt Ari Folman zudem zur Realistik seines Films noch bei. Wenn sie dann in dem Käfig steht, in dem ihre Bewegungen und Mimik gescannt werden soll, ist es ein futuristisch anmutender, unterschwellig bedrohlicher Moment. Robin scheint nicht in der Lage, die erforderlichen Emotionen zu produzieren. Erst wenn ihr Agent (Harvey Keitel) ihr eine Geschichte erzählt, zeigt sie die gewünschten Regungen.

Es folgt ein Zeitsprung. In der Zukunft wird Robin zu einem Kongress eingeladen, auf dem die reale Robin erstmals wieder öffentlich auftreten soll. Er findet in der animierten Zone statt – und so wird aus Robin eine Zeichentrickfigur. Dort erfährt sie, dass das Filmstudio Miramount längst den nächsten Schritt zur Beeinflussung der Realität plant: Bilder werden in eine chemische Formel umgewandelt, mit der jeder die Filme in seinem Kopf entstehen lassen kann, die er schon immer sehen wollte. Robin erkennt die Gefahr dieser Entwicklung und will die Menschen warnen – doch sie kommt zu spät und verliert sich in der neuen Realität, die ebenso eine Traumwelt sein könnte.

"The Congress" ist ein Film, der sehr gut auf mehreren Ebenen funktioniert: Gespickt mit Insider-Witzen und Anspielungen auf die Filmindustrie ruft Ari Folman Erinnerungen an die gute alte Zeit in Hollywood wach und sein neuer Film scheint diesen Zauber der alten Filme mit handgezeichneten Animationen im zweiten Teil wieder erwecken zu wollen. Doch zugleich hinterfragt er, was Filme im Zuschauer auslösen, ob ihnen nicht eine große Gefahr der Verführung innewohnt, die missbraucht werden kann, um den Menschen ein anderes Leben einzureden und ihm die Willensfreiheit zu nehmen. Diese Überlegungen führen immer wieder an die Grenze von Realität und Fiktion, aber er verhandelt sie in einem dezidiert fiktiven Film, dessen Animationen zunehmend illusorischer werden. Deshalb verliert man sich beim Ansehen des Films auch innerhalb der Ebenen, kann bald nicht mehr zwischen Robins Phantasie, der Illusion und der Wirklichkeit unterscheiden – sofern es eine Wirklichkeit überhaupt noch gibt. Das ist mitunter anstrengend, aber es sorgt dafür, dass man sich während des Films den eigenen Gedanken und Überlegungen stellen kann.

Fazit: "The Congress" ist ein sehenswerter Film über eine mögliche Zukunft der Filmindustrie, die Willensfreiheit und die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.