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Measure of a Man - Ein fetter Sommer
Measure of a Man - Ein fetter Sommer
© Kinostar

Kritik: Measure of a Man - Ein fetter Sommer (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Im US-Kino hat der Coming-of-Age-Film eine lange Tradition. Dementsprechend häufig blicken Dramen, Komödien und alles dazwischen auf Schulen und deren soziokulturelle Dynamiken. Ein Großteil des Erwachsenwerdens spielt sich aber nicht im Klassenzimmer, sondern in der langen Zeit zwischen den Schuljahren ab: plötzliche Wachstumsschübe, von langer Hand geplante Imagewechsel, erste Liebe im Feriencamp, das erste verdiente Geld mit einem Ferienjob. Abseits des Highschoolfilms hat sich längst so etwas wie der Sommerferienfilm herausgebildet. Positiv in Erinnerung geblieben sind zuletzt "Adventureland" (2009), "Kings of Summer" (2013) und "Ganz weit hinten" (2013). "Measure of a Man" nach Robert Lipsytes Roman "One Fat Summer" aus dem Jahr 1977 funktioniert ganz ähnlich.

Bislang war Jim Loach fast ausschließlich fürs Fernsehen tätig. Sein Kinodebüt gab er 2010 mit "Oranges and Sunshine", einem Drama über eine Sozialarbeiterin, die einen Skandal um nach Australien verschiffte und dort ausgebeutete Kinder aufdeckte. Der Blick fürs Soziale ist Loach quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater ist Regielegende und Arbeiterklassenfilmer Ken Loach ("Kes", "Riff-Raff" "Ich, Daniel Blake"). Auch in "Measure of a Man" beweist Jim Loach einen präzisen, differenzierten Blick für zwischenmenschliche Dynamiken und vielfältige Gesellschaftsprobleme. Abseits der Geschichte seines Protagonisten – einer Geschichte über das Erwachsenwerden, über Verantwortung und (männliche) Rollenbilder – erzählt "Measure of a Man" viele kleine Nebengeschichten ganz beiläufig mit.

Das Publikum muss schon ganz genau hinsehen, um all die Anspielungen – etwa über Dr. Kahns Vergangenheit – zu entdecken. "Measure of a Man" erzählt viel zwischen den Zeilen, wo vergleichbare Filme wie die oben erwähnten die Dinge klar beim Namen nennen. Das erweckt zunächst den Anschein, als bliebe der Film ein gutes Stück hinter der Konkurrenz und hinter seinen Möglichkeiten zurück. Ihm fehlen die lauten Charaktere, die einnehmenden Schauspieler wie Sam Rockwell ("Ganz weit hinten") oder Jesse Eisenberg und Kristen Stewart ("Adventureland"), vor allem aber die mit viel Aufwand in Szene gesetzten, erhebenden Momente. Und doch ist dieser Sommer magisch, weil Loach die aus anderen Coming-of-Age-Filmen gewohnte Formelhaftigkeit so leise und unscheinbar anwendet. Sein Außenseiter ist auch zum Schluss nicht cool, sondern ein stiller Grübler und gerade deshalb so sympathisch.

"Measure of a Man" ist sensibel, aber nicht sentimental, ein wenig melancholisch, aber nicht nostalgisch. Mit ruhiger Stimme von der Hauptfigur aus dem Off erzählt, von Kameramann Denson Baker in warme Bilder getaucht und von Cutterin Dany Cooper ebenso unauffällig montiert, ist "Measure of a Man" ein kleiner, unaufgeregter Film über das Heranwachsen. Ein Film, der ganz seinem überzeugenden Hauptdarsteller gehört, für den sich selbst die großen Namen in den Nebenrollen zurückhalten. Ein Film, den man allzu leicht übersehen könnte, der aber einen zweiten Blick lohnt.

Fazit: Jim Loach legt mit seiner erst zweiten Kinoarbeit einen leisen, überzeugenden Film über das Erwachsenwerden vor. Der folgt zwar den gewohnten Formeln des Coming-of-Age-Dramas, wendet diese aber erfrischend unscheinbar an.




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