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Wacken - Louder than Hell 3D
Wacken - Louder than Hell 3D
© NFP marketing & distribution

Kritik: Wacken - Der Film (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Wacken 3D" zeigt zu Beginn kurz wie einzelne Metal-Heads durch den wie ausgestorben wirkenden Ort zum Festivalgelände gehen. Im nächsten Augenblick ist man als Zuschauer im Kinosaal bereits mitten im Geschehen und blickt direkt in die Gesichter der ekstatischen Fans in der ersten Reihe vor der Bühne. 3D ist hier einmal kein verzichtbares Gimmick, sondern ein integraler Bestandteil des Konzepts des Films dem Zuschauer im Kino den Eindruck zu vermitteln, er wäre gerade live dabei. Die immersive Erfahrung wird auf akustischer Ebene zusätzlich verstärkt durch einen Surround-Sound, der einen mitten ins Zentrum von brachialem Gitarrengewitter, donnernden Drums und aus tiefster Kehle herausgeschrienen Lyriks versetzt. Doch "Wacken 3D" ist kein reiner Konzertfilm, sondern in erster Linie ein Film, der versucht den Kult um das W:O:A nachvollziehbar zu machen. So begleiten die Kamerateams über die vier Tage eine gute Handvoll per Facebook-Fanseite gecastete Metal-Heads aus der ganzen Welt.

Da ist z.B. der Deutsche Micha, der ständig in neue zur jeweiligen Musik passende Outfits schlüpft ("Eigentlich viel zu heiß. Aber Posen muss halt sein!"). Für die Kanadierin Breanna ist Heavy Metal hingegen eine essentielle Lebenserfahrung von fast religiösen Dimensionen ("The music spoke to me and it started speaking to me more and more and now it's part of what I am and going to festivals is a part of what I do"). Die Taiwanerin Cielu meint auf sympathisch asiatisch-zurückhaltende Art: "This is a place where you find a lot of crazy people. At the same time it's the most peaceful place in the world". Genau dies ist tatsächlich der Eindruck, den diese Dokumentation vermittelt: Wenn man die zahlreichen Fans mit wildesten Masken und Outfits betrachtet, könnte man meinen, sie selbst hätten sich für einen Bühnenauftritt zurechtgemacht. In gewisser Weise ist dies auch richtig. Wacken ist eine einzige gigantische Bühne, auf der die Fans einmal im Jahr nicht nur ihre Musik, sondern auch sich selbst feiern.

Viele meinen, dass genau dies den besonderen Reiz des Festivals ausmacht: Einmal im Jahr kann man sich von allen Alltagssorgen freimachen und aus seiner üblichen Rolle herausschlüpfen und einfach nur machen, was man will. Alles ist erlaubt und alles ist cool. Deshalb kommt jeder mit jedem leicht ins Gespräch und deshalb sind die teilweise furchterregend aussehenden Metal-Heads zugleich so friedfertig. Das Gleiche gilt für die Musiker. So bezeichnet sich die skandinavische Death-Metal-Band Ragnarok selbst als so bösartig, wie es nur geht – trägt dies jedoch auf denkbar tiefenentspannte Weise vor. - All dies ist faszinierend und macht den Zuschauer, der ohne weiteres Hintergrundwissen zu Wacken ins Kino geht neugierig darauf, mehr über die Hintergründe des Festivals zu erfahren. Aber Informationen zur Geschichte und Organisation bleibt diese Dokumentation fast komplett schuldig, was der einzige kleine Schwachpunkt von "Wacken 3D" ist.

Zu dem Thema wie die Menschen in dem Ort Wacken mit dem Festival umgehen gibt es immerhin bereits Sung-Hyung Chos Dokumentation "Full Metal Village" (2006). Allerdings ging es auch dort weniger um den gigantischen logistischen Aufwand, der mit solch einem Festival verbunden ist, als um die Frage, wie Bewohner mit dem jährlichen Ansturm abertausender Metal Freaks zurechtkommen. "Wacken 3D" sind selbst solche Fragen reichlich egal. Der Ort Wacken interessiert nur dann, wenn das örtliche Schwimmbad als erweiterte Partyzone von den schillernden Festivalbesuchern okkupiert wird. Selbst als das nordische Schmuddelwetter in Form von wolkenbruchartigen Regenschauern zuschlägt, wird dies von einem alten Wacken-Veteran mit dem lapidaren Hinweis abgetan: "This is typical for Wacken. This is the best festival with the worsed weather!" Als sich der unbefestigte Boden schließlich in eine einzige Schlammmasse verwandelt, kommt es zu einer einzigen gewaltigen Schlammspring-Orgie. - Aber sangen nicht bereits die Großeltern: "Morgens Fango, abends Tango"...?

Fazit: "Wacken 3D" ist ein Film nicht nur für Metal-Fans, der dem Zuschauer das Gefühl gibt, gemeinsam mit 75.000 Metal-Heads auf dem größten Heavy-Festival der Welt live dabei zu sein. Die unglaubliche Stimmung überträgt sich selbst ohne Fässer voll Bier und auch ohne bis zu den Knien im Schlamm zu waten.





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