VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Bethlehem (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der israelische Geheimdienstoffizier Razi weiß, wie wichtig es ist, eine persönliche Beziehung zu seinen Informanten aufzubauen. Das gilt erst recht im Kontakt mit dem jugendlichen Palästinenser Sanfur aus Bethlehem, der in seinem eigenen Umfeld mit niemandem über seine Probleme reden kann. Aber diese persönliche Ebene darf nur dem Zweck dienen, Untergrundkämpfer aufzuspüren und Selbstmordattentate zu verhindern. Für Razi und Sanfur kommt also der Tag, an dem sich ihre Freundschaft dem Wahrheitstest unterziehen muss. Das bittere, jedoch sehr authentisch wirkende Drama über die politischen Gräben im israelisch-palästinensischen Alltag ist Israels Oscar-Einreichung für das Jahr 2014.

Der israelische Regisseur Yuval Adler schrieb das Drehbuch gemeinsam mit dem palästinensischen Journalisten Ali Waked. Es basiert auf umfangreichen Recherchen beim israelischen Geheimdienst, den al-Aqsa-Brigaden und der Hamas. Die Geschichte springt in ständigem Wechsel der Perspektiven von Razi und seinem Umfeld zu Sanfur und den Protagonisten verschiedener Lager im Palästinensischen Autonomiegebiet. Razi gerät beim Geheimdienst in Verdacht, Sanfur aus der Schusslinie gezogen und dadurch das Leben der Einsatzkräfte gefährdet zu haben, die Ibrahim jagten. Razi hat insgeheim gegen die Regel verstoßen, dass Informanten geopfert werden müssen, wenn es höheren Interessen dient. Zu so viel Kaltblütigkeit war er Sanfur gegenüber nicht fähig.

Sanfur leidet sehr unter dem Lagerdenken daheim, wo er von lauter Befreiungskämpfern und ihren Bewunderern umgeben ist. Er weiß, dass der versteckte Bruder sich nur auf ihn verlassen kann. Denn Ibrahim soll angeblich mit der Hamas kooperieren, dem verhassten Gegner seiner al-Aqsa-Männer. Und der Politiker der Regierungsbehörde, der Sanfur seine Hilfsbereitschaft beteuert, plant womöglich seine eigenen Schachzüge. An Vorsicht gewöhnt, hat Sanfur auch kein Problem damit, Razi nicht die Wahrheit zu sagen, zumindest nicht die ganze. Sein geschicktes Lavieren ist im Grunde ein verzweifeltes Ringen um ein wenig persönliche Freiheit, ein Ausbruchsversuch aus dem martialischen, lebensfeindlichen Alltag. Razi und Sanfur werden von beeindruckenden Laiendarstellern gespielt, die das Milieu kennen, aus dem ihre Filmcharaktere stammen.

Jeder ist in dieser Geschichte auf seine Weise in Bedrängnis, am bewegendsten aber wird Sanfurs Drama erzählt. Der Jugendliche sehnt sich nach Anerkennung, einem Platz im Leben, und bekommt doch nur die Rolle des Bauernopfers zugewiesen. Der realitätsnahe Film beschönigt nichts und zeigt deswegen auch keine Lösungen auf: Sein Mangel an Optimismus drückt zwar aufs Gemüt, verleiht der Empörung über die Zustände aber umso mehr Gewicht.

Fazit: Israels Kandidat für den fremdsprachigen Oscar 2014 ist ein schonungslos realistisches Drama über eine unmögliche Freundschaft zwischen einem israelischen Geheimdienstoffizier und seinem jugendlichen palästinensischen Informanten.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.