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Meine kleine Familie - Kinoplakat
Meine kleine Familie - Kinoplakat
© mindjazz pictures

Kritik: Meine keine Familie (2012)


Zwei Themen stellt die gelungene, authentische Dokumentation "Meine kleine Familie" von Paul-Julien Robert in ihren Mittelpunkt. Zum einen stellt sie die Frage danach, was "Familie" eigentlich ist und was sie bedeutet. Der andere, wesentlich spannendere Inhalt ist jedoch, dass "Meine kleine Familie" ausführlich das Leben und den Alltag in einer der größten Kommunen ihrer Zeit darstellt und zur kritischen Auseinandersetzung mit dieser auffordert: der vom Wiener Aktionisten Otto Mühl gegründeten Friedrichshof-Kommune im österreichischen Burgenland. Regisseur Robert lebte selbst einige Jahre dort und kann daher nur allzu gut davon berichten, was es heißt, innerhalb dieses "alternativen Lebensmodells" aufzuwachsen.

Vier Jahre lang arbeitete Robert an seiner Dokumentation, für die er den renommierten Wiener Dokumentarpreis erhielt. Die Mischung aus Interviews mit ehemaligen Kommunarden sowie den beeindruckenden, der Öffentlichkeit in dieser Form bisher nicht zugänglichen Archivaufnahmen aus dem Innenleben der Kommune, machen "Meine kleine Familie" zu einer sehenswerten, mitunter stark aufwühlenden Dokumentation. Und es ist Robert zudem enorm hoch anzurechnen, dass er – als ehemaliger Teil der "Friedrichshof-Familie" – nicht die objektive, kritische Beurteilung des Kommunen-Lebens scheut.

1970 rief der österreichische Aktionskünstler Otto Mühl eine erste Kommune in Wien ins Leben, aus der später die "Aktionsanalytische Organisation" (Kurz: AAO) hervorging. Deren Lehre und Wertesystem fußte auf einer weltfremden Theorie, die neben Rousseau, dem Marxismus und den Ansätzen der Urschrei-Therapie auch die Forderungen der 68-Bewegung mit einbezog. Mitte der 70er-Jahre bezog Mühl mit einigen seiner treuen Gefolgsleuten den verfallenen Friedrichshof im Burgenland. Hier verfolgte Mühl die Prinzipien von freier Sexualität, Kollektiveigentum und Auflösung der klassischen Kleinfamilie. Die Kinder wurden gemeinschaftlich großgezogen und die Kommune wuchs schnell an. Sie existierte bis Anfang der 90er-Jahre und zählte zu den größten ihrer Art in ganz Europa, in der zeitweise bis zu 250 Personen zusammenlebten. 1991 wurde die Kommune aufgelöst – und ihr Gründer Otto Mühl wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Als Aufhänger für seinen Film nutzt Regisseur Robert die Suche nach seinem biologischen Vater. Da in der Kommune die "freie Liebe und Sexualität" offen praktiziert wurde, war nie klar, wer der Vater von Paul-Julien Robert ist. "Meine kleine Familie" beginnt daher mit der Reise von Robert zu einem seiner potentiellen Erzeuger, mit dem er ein erstes Interview über die Prinzipien und das Leben in der Kommune führt. In diesem ersten Drittel des Films, erscheint die Friedrichshof-Kommune in einem äußerst positiven Licht. Hier stellt Robert auch die Frage nach der Definition von "Familie" und scheint dafür zu plädieren, dass das Kommunen-Modell ebenso "Familie" bedeuten kann wie die konventionelle Kleinfamilie.

Die Archivaufnahmen zeigen ausgelassen spielende Kinder beim Plantschen und Mütter, die, im Kreis sitzend und freudig erregt, gemeinschaftlich stillen. Auch Roberts Mutter scheint im Gespräch mit dem Sohn einzig in guten Erinnerungen zu schwelgen. Nur, um sie wie auch die übrigen Gesprächspartner im weiteren Verlauf des Films mit den fragwürdigen Aspekten der Kommune zu konfrontieren und sie zu einer kritischen Reflexion regelrecht zu zwingen. Dann nämlich nimmt der Film eine drastische Wendung. Die Archivaufnahmen zeugen von den kruden Lebensverhältnissen innerhalb der Kommune und machen deutlich, dass es sich hierbei um nichts anderes als ein bizarres, menschenverachtendes Versuchsmodell handelte, das den abstrusen Vorstellungen eines Machtbesessenen entsprang. Jeder Tag im Leben der Kommunarden wurde auf Video festgehalten und archiviert, insofern konnte Robert aus einem reichhaltigen Aufnahmen-Fundus schöpfen. Diese zeigen u.a. die Mitglieder (und auch alle Kinder) bei makabren Tanz- und Gesangseinlagen, die vor den versammelten Mitgliedern abgehalten werden mussten und als "reinigend" galten. Oder Reden des Kommunen-Vaters Mühl, deren Inhalte derart versponnen daherkommen, dass man als Zuschauer nur den Kopf schütteln kann. Zuletzt konfrontiert Robert alle Beteiligten auch mit unangenehmen Fragen, etwa seine Mutter, von der er wissen möchte, ob sie die Lehren und Handlungen Muehls denn niemals hinterfragt habe. Die Antwort auf diese Frage ist ebenso ernüchternd wie darauf, ob sie sich denn niemals sorgen um ihren Sohn machte, als sie den Friedrichshof verließ, um Geld für die Kommune zu verdienen.

Fazit: Ebenso spannende wie aufwühlende Doku über das Innenleben einer der größten Kommunen ihrer Zeit, die der Regisseur kritisch hinterfragt und ehemalige Mitglieder zu einer kritischen Reflexion zwingt.





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