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Blick in den Abgrund
Blick in den Abgrund
© Real Fiction

Kritik: Blick in den Abgrund (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." Dieses berühmte Zitat von Friedrich Nietzsche steht am Anfang von Barbara Eders Dokumentarfilm "Blick in den Abgrund", in dem sie sechs Profiler in Finnland, Südafrika, den USA und Deutschland bei ihrer Arbeit begleitet.

Den Anfang macht die finnische forensische Psychologin Helinä Häkkänen-Nyholm, die gerade mit einem schwierigen Fall befasst ist: der Täter hat 20-mal um die Augen des Opfers eingestochen. Bisher gibt es keine vergleichbaren Fälle, deshalb wendet sie sich an ihren südafrikanischen Kollegen Gérard N. Labuschagne, der sich mit 80 Serienmördern und 100 Vergewaltigungsserien beschäftigt hat. Für ihn scheint diese Arbeit Teil seines Lebens geworden zu sein, so unterhält er sich während des Mittagessens mit Helinä über ihren Fall. Dennoch zeigen sich bei beiden die Folgen ihrer Arbeit: Helinä hat als Ausgleich eine Praxis gegründet, in der sie mit ihren Erfahrungen Opfern von psychischer und physischer Gewalt helfen will. Doch ihre Arbeit lässt sie nicht los, so brütet sie während eines Ausflugs mit ihrem Mann über das Verhalten des Täters. Darüber hinaus gibt sie später zu, dass sie womöglich glücklicher wäre, wenn sie diese Arbeit nicht machen würde. Auch Gérard kennt Kollegen, die irgendwann aufhören mussten, weil sie ihre Arbeit nicht mehr ertrugen. Er setzt hingegen derzeit auf große private Sicherheit – und ausreichend Abstand zur Arbeit.

In den USA begegnet Barbara Eder drei langjährigen Profilern. Roger L. Deupue und Robert R. Hazelwood arbeiteten beim FBI und sind mittlerweile pensioniert. Sie waren Vorbilder für Thomas Harris‘ Buch "Das Schweigen der Lämmer", den sie nun vor der Kamera kommentieren. Im Ruhestand sind beide aber nicht. Zusammen betreiben sie die Academy Group Inc. und untersuchen alte Fälle, die bisher nicht aufgeklärt wurden. Auch für sie hatte die Arbeit Auswirkungen, deshalb wollen sie heute Verbrechen verhindern, indem sie Tipps geben, wie man sich vor Verbrechen schützen kann – niemals neben einem Minivan parken, ist einer davon – und kümmern sich um Jugendliche. Die forensische Psychiaterin Helen Morrisson arbeitet seit über 40 Jahren in diesem Bereich und ist mittlerweile überzeugt, dass das Böse im Gehirn nachzuweisen ist. Deshalb bemüht sie sich um die Erlaubnis, eine Untersuchung an inhaftierten Serienmördern vorzunehmen, die ihr aber bisher verwehrt wurde. Für ihre Söhne scheint die Arbeit der Mutter zu ihrem Alltag zu gehören. Daher überlegen sie, ihr einen Telefonstreich zu spielen, während sie auf CNN zu sehen ist – und einmal zeigt Helen ihrem Sohn ein menschliches Gehirn. Für den Zuschauer ist diese Szene befremdlich, im Hause Morrison scheint sie hingegen zum Alltag zu gehören.

In Deutschland begleitet Barbara Eder den hierzulande als Profiler bekannten Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort, der durch Gespräche dem Mensch hinter den Taten auf die Spur kommen will. Deshalb begleitet sie ihn auf einer Reise nach Berlin, auf der er eine Vergewaltigung rekonstruierten und herausfinden will, warum der Täter seinem Opfer so viel verraten hat, dass er gefasst werden konnte, obwohl er zuvor seine Opfer getötet hat. Dabei zeigt sie deutlich, wie Stephan Harbort seine Arbeit bereits verinnerlicht hat: Er spricht häufig in ein Diktafon und nimmt gar nicht mehr wahr, dass die Mitreisenden im Zug hören können, wovon er spricht.

Insgesamt wird in "Blick in den Abgrund" sehr deutlich, dass alle Profiler mit den Folgen ihrer Arbeit zu kämpfen haben – und dass das Böse universell ist. Der Film ist daher vor allem für Zuschauer interessant, die immer noch glauben, fiktive Kriminalreihen zeigten die wahre Arbeit von Profilern. Ihnen vermittelt der Dokumentarfilm Eindrücke von der Tätigkeit mit all ihren Schattenseiten und Auswirkungen. Für eine tiefergehende Betrachtung des Bösen an sich wäre eine weniger beobachtende, als vielmehr essayistische Haltung vermutlich ergiebiger gewesen.

Fazit: "Blick in den Abgrund" vermittelt Einblicke in die oftmals glorifizierte und dramatisierte Arbeit von Profilern.




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