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Kritik: Illusion (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der fantasievolle, verträumte Spielfilm von Regisseur und Drehbuchautor Roland Reber fällt deutlich aus dem Rahmen gewöhnlicher Kinounterhaltung. Er reiht kreative Einfälle aneinander, ohne sich immer um deren Zusammenhang zu kümmern. Anstatt eine veritable Geschichte mit einem Spannungsbogen zu erzählen, interessiert er sich mehr für das Happening in einer Bar, wenn sich die Stimmung der Gäste lockert. Indem er die wilden, zum großen Teil erotischen Fantasien der acht Protagonisten visualisiert, bietet er im Grunde Theater mit filmischen Mitteln.

Reber und sein Team der Produktionsgesellschaft "wtp international" nehmen im Filmbetrieb eine selbstbewusste Außenseiterstellung ein. Sie sichern sich ihre kreative Freiheit, indem sie Fördermittel und Beteiligung von TV-Sendern an der Produktion radikal ablehnen. Wtp macht alles selbst, Kamera, Schnitt, Verleih, und die Crewmitglieder sind gleichzeitig auch Schauspieler. So entsteht ein Film, der Sehgewohnheiten und Erzählkonventionen sprengt, der experimentiert, darstellerische Möglichkeiten auslotet und manchmal auch nur Momente des Leerlaufs abbildet. Damit ähnelt er der legeren Atmosphäre in der Musikbar, in der die Protagonisten ihr Alltagskorsett ein wenig lockern.

Inhaltlich hat der Film drei verschiedene Ebenen. Anfangs werden die acht Menschen in ihrem Alltag vorgestellt, in dem sie mehr oder weniger stark in Unzufriedenheit festgefahren wirken. In der Kneipe knüpfen die Paare und die beiden Singles, die sich untereinander fremd sind, neue Kontakte. Oder versuchen es zumindest: Die Jüngeren, besonders die Frauen unter ihnen, sind nämlich deutlich im Vorteil. Diese Situationen wecken die geheimen Liebessehnsüchte der Barbesucher, um die es dann auf der dritten Ebene geht. Die Kneipe mit ihrer melancholischen Sängerin wird zum Ort, der die Sinne belebt, die Lebensgeister weckt, auch wenn diese nur falsche Hoffnungen machen und es für manche bald ein böses Erwachen gibt.

Die expliziten Sexszenen und die poetisch-philosophischen Monologe einzelner Charaktere sind die hervorstechendsten stilistischen Merkmale. Man kann sich wohl streiten über die Aussagekraft des Ganzen, aber die große Diskrepanz zwischen dem äußeren und dem inneren Leben der Figuren wirkt wie ein verblüffendes Fundstück aus der Realität. Für Kneipengänger und Kunstinteressierte, die den Schwebezustand als Inspirationsquelle schätzen, ist "Illusion" wahrscheinlich ein lohnender kleiner Forschungsausflug.

Fazit: Indem er den Fantasien seiner Protagonisten im Laufe eines entspannten Barabends freien Lauf lässt, sprengt Roland Rebers philosophisch angehauchter Experimentalfilm die Konventionen der üblichen Kinounterhaltung.





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