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Kritik: Die Familie (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Vierteljahrhundert ist es jetzt her, seit in Berlin die Mauer fiel. Bis dahin hatte der Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze Hunderte Menschenleben gekostet. In Stefan Weinerts Dokumentarfilm kommen Angehörige zu Wort, die einen Sohn, Bruder, Ehemann oder Vater an der DDR-Grenze verloren. In allen vier der hier vorgestellten Familien ist das Leid noch so präsent, als wären inzwischen nicht schon Jahrzehnte vergangen. Über die Ursachen, die sie daran hindern, die Vergangenheit ruhen zu lassen, sind sich die Hinterbliebenen sehr bewusst. Weinerts bewegender Film rekapituliert nicht nur eines der schlimmsten Kapitel der DDR-Geschichte, er fügt ihrer Aufarbeitung ein ganz entscheidendes, persönliches Mosaikstückchen hinzu.
Elke Liebeke erzählt, dass ihr Leute manchmal raten, die Trauer um ihren Mann zu überwinden. Aber sie kann nicht, weil sie sich immer noch fragt, wie er auf der Flucht in jener Septembernacht des Jahres 1986 im Sacrower See ums Leben kam. Die lapidare Aussage im erst 14 Tage später ausgestellten Totenschein, "Tod durch Ertrinken – infolge Fäulnis nicht deutlich erkennbar" lässt die Witwe vermuten, dass etwas vertuscht werden sollte, zum Beispiel Schussverletzungen. Denn die Stasi, so erzählen es mehrere Hinterbliebene, vertuschte solche Vorfälle routinemäßig. Die Angehörigen wurden oft erst Tage danach über den Tod informiert, als die Leichname schon eingeäschert waren. Irmgard Bittners Sohn Michael wurde sogar noch zur Fahndung ausgeschrieben, als er längst erschossen war. Sie bekam weder seine Urne, noch einen Totenschein. Sie quält sich noch heute mit Vermutungen über die letzten Minuten im Leben ihres Sohnes, wirft sich sogar vor, keine telepathische Verbindung mit ihm gespürt zu haben.
So bedeckt, wie sich die Stasi hielt, so ungeniert verhörte sie die Hinterbliebenen. Die Witwe Elke Liebeke verlor ihren Job und fühlte sich als Verbrecherin abgestempelt. Über ihre Trauer sprachen die Angehörigen in der Regel kaum, schon aus Angst vor Spitzeln, die selbst bei der Beerdigung herumstanden. Auch die Mauerschützenprozesse nach der Wiedervereinigung brachten nicht immer Licht ins Dunkel: Irmgard Bittner erfuhr auch dort nicht, wohin der Leichnam ihres Sohnes gebracht wurde.
Weinert besucht mit Angehörigen die Tatorte, lässt sich alte Erinnerungsfotos zeigen, befragt einen Staatsanwalt, der an den Verfahren gegen DDR-Spitzenfunktionäre beteiligt war. Zwischen dem persönlichen Leid, der Stigmatisierung der Hinterbliebenen und dem aktenkundigen Zynismus der DDR-Militärs und -Spione ergibt sich ein direkter Zusammenhang. Dieser erschütternde Film ist ein wichtiges, aussagekräftiges Dokument der Zeitgeschichte.

Fazit: In diesem zutiefst bewegenden und aufschlussreichen Dokumentarfilm kommen Angehörige von Menschen zu Wort, die an der DDR-Grenze von Wachtposten erschossen wurden oder ertranken. Sie quälen sich noch heute mit offenen Fragen über die genauen Todesumstände und der Erinnerung an den Zynismus der DDR-Behörden.




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