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Kritik: Annelie (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Film "Annelie" des jugoslawisch-stämmigen Regisseurs Antej Farac erzählt eine wahre Geschichte an einem Ort, den es tatsächlich gab: Die Pension Annelie befand sich etliche Jahre in der Nähe des Münchener Hauptbahnhofs und beherbergte die im Film größtenteils von Laien-Darstellern verkörperten Alkoholkranken, Arbeitslosen, Sozialfälle. Farac wohnte lange Zeit direkt gegenüber der Annelie, und wurde somit Zeuge dieser oft traurigen, tragischen Lebensgeschichten und ihrer alltäglichen kleinen und großen Dramen. Abgesehen von drei professionellen Schauspielern, besteht der Film ausschließlich aus Laien-Darstellern, die sich letztlich nur selbst spielen.

"Annelie" wurde kurz vor dem Abriss des Gebäudes fertig gestellt und kommt als Mischung aus Doku, Sozialdrama und schwarzer Komödie daher. Neben dem dokumentarischen Ansatz vermengt Farac seinen Film noch mit fiktiven Elementen um eine (zugegebenermaßen extrem phantasievollen) Entführungs-Geschichte, die es für den Zuschauer nicht immer einfach machen, zwischen wahren Ereignissen/Figuren und Erfundenem zu unterscheiden. "Annelie" ist dennoch vor allem dank der liebenswerten Figuren und des grotesken Humors sehenswert geraten.

Über weite Strecken des Films unterliegt man fälschlicherweise der Annahme, es handele sich bei "Annelie" um eine reine Dokumentation, die den Alltag und das Leben einer Gruppe von Sozialhilfe-Empfängern und gescheiterten Existenzen abzubilden versucht. In der alten Pension Annelie leben sie zusammengepfercht in einem Saustall aus Dreck und Abfall, ein Haufen von der Gesellschaft Aussortierter, der vor sich hinvegetiert und dessen Alltag darin besteht, sich im heruntergekommenen Kiosk des Gebäudes über die Widrigkeiten des Lebens zu beklagen. "Annelie" verschafft dem Zuschauer einen radikalen Einblick in deren Alltag.

Der Doku-Ansatz von "Annelie" sorgt für einen Realismus, der an vielen Stellen fast schmerzt. Das macht aber auch den Reiz des Films aus. Es handelt sich hier größtenteils um reale Personen und reale Lebensentwürfe, die weit abseits der uns bekannten "Mainstream-Gesellschaft" mit einem geregelten Alltag aus Arbeit und wohligem Privatleben liegen. Die Bewohner sind zwar hoffnungslose Fälle, kommentieren und lästern sich aber derart schwarz-humorig und süffisant durch ihren Alltag, dass dies – trotz aller Tragik – köstlich unterhält. Ganz besonders die "Zusammentreffen" der Menschen im Kiosk gestalten sich als Zusammenkunft herrlich skurriler Charaktere, die ihren Humor nicht verloren haben. Auch wenn es sich dabei nicht selten um Verbitterung und Galgenhumor handelt. Die Frage, wie einem der fiktionale Teil des Films – die Geschichte um eine KISS-Coverband und die Entführung ihres Schlagzeugers – gefällt, muss jeder Zuschauer für sich selbst beantworten. Sie bietet in jedem Fall die Möglichkeit, einige surreal anmutende Einfälle und Sequenzen (die Traumfantasie am Ende ist besonders einfallsreich geraten) in den Film einzuarbeiten. Auch, wenn "Annelie" durch die erfundenen Ereignisse einen erheblichen Teil seines quälenden Realismus einbüßt. Zudem fällt es mit zunehmender Dauer des Films immer schwerer, zwischen Doku-Teil und Fiktionalem zu unterscheiden. Dies bleiben jedoch die einzigen Kritik-Punkte eines mutigen Film-Experiments.

Fazit: Die Mischung aus Sozial-Drama, Doku und grotesker Komödie sorgt für Unterhaltung auf höchstem Niveau und führt den tristen Alltag gescheiterter Existenzen am Rande der Gesellschaft vor Augen.




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