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Kritik: Deutschboden (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

André Schäfers Film beginnt wie das Buch mit der Ankunft Moritz von Uslars, dargestellt von Moritz von Uslar, in dem Ort an einem Abend im Mai. Auf den ersten Blick entspricht ‚Oberhavel‘ allen Klischees vom Osten: die Straßen sind dunkel, junge Menschen trinken an einer Tankstelle Dosenbier, andere hängen in einer gutbürgerlichen Kneipe herum. Moritz von Uslar muss sich erst einmal eingewöhnen, durchwandert an den folgenden Tagen und Wochen die Straßen und startet langsam erste Annäherungsversuche an die Einheimischen. In der Kneipe spricht er bei einem Bier über Tätowierungen, begegnet älteren Menschen, die die DDR und Wende miterlebt haben, meist von Hartz IV leben, isst das obligatorische "Hackepeter"-Brötchen, feiert die Neuigkeit, dass in der DDR das Bier warm getrunken wurde und ist auf allerlei Grillfesten zu sehen. Vor allem aber lernt er die Mitglieder der Punkband "5 Teeth less" kennen, die allen Vorurteilen entsprechen und sie zugleich widerlegen: ehemalige Neonazis, die ihre Irrtümer erkennen und nun in einer Punkband spielen, arbeitslos, auf der Suche nach Beschäftigung und Aufgaben, und eng verbunden mit Freunden und Familie.

Schon in von Uslars literarischen Reportage "Deutschboden" entsteht durch den Zusammenprall von Erwartung und Wirklichkeit sowie der lockeren Sprache einiger Humor – und beides findet sich nun auch in André Schäfers Dokumentation wieder. Die Bilder werden eingeleitet oder untermalt mit Passagen aus der literarischen Reportage, die von Moritz von Uslar selbst gelesen werden. Sie zeigen seine Eindrücke, belegen zugleich aber, dass sie oftmals knapp an der Realität vorbeizielen oder gar im Widerspruch zur Wirklichkeit stehen. So wird beispielsweise der Ort Oberhavel genannt, aber das Ortsschild sowie die Bewohner nutzen den richtigen Namen Zehdenick. Indem André Schäfer die Realität mit der Fiktion durch Worte und Bilder kontrastiert, führt sein Film den Zusammenprall von Vorurteil und Wirklichkeit weiter und markiert zugleich die Methode von Uslars. Andere Bilder wiederum entsprechen den Gesten und Erlebnissen von Uslars in den gelesenen Passagen – er nutzt zum Beispiel dieselben Bewegungen –, so dass die Dokumentation literarisch wird. Am Ende führt dann der Text die Bilder über die zu sehende Bedeutung hinaus. Eine seiner ersten Bekanntschaften führt von Uslar zu dem ärmlichen Haus, in dem er aufgewachsen ist und sein Pflegevater noch lebt. Jedoch spürt von Uslar, dass er gesättigt ist, kein Interesse mehr hat, an diesen Geschichten und drückt es im Text aus. Im Zuschauer entsteht durch diese Selektivität, diese Übersättigung des Autores indes ein Gefühl der Traurigkeit.

Im Mittelpunkt des Films steht Moritz von Uslar mit seinen Kontaktversuchen im Ort und ist somit zugleich Autor des Buchs, Erzähler des Films und fiktive Figur. Darüber hinaus wird aber deutlich, dass André Schäfer ein eigenes Interesse an den Menschen dieser Kleinstadt hat. Das zeigen seine Bilder, seine Montage. Und dadurch wird sein Film eine literarische Dokumentation, die über eine Verfilmung von Moritz von Uslars literarischer Reportage hinaus geht: Sie markiert das Spiel von Fiktion und Wirklichkeit, von Vorurteil und Wahrnehmung – und von den Mechanismen der Literatur. Darüber hinaus gelingt ihm ein Blick auf die ostdeutsche Provinz, der vor allem eines zeigt: So viel anders als westdeutschen strukturschwachen Regionen ist es dort nicht.

Fazit: "Deutschboden" ist eine ebenso unterhaltsame wie aufschlussreiche Dokumentation über das Spiel von Fiktion und Wirklichkeit, von Vorurteil und Wahrnehmung – und über das Leben im Osten Deutschlands.





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