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Kritik: Über das Meer (2011)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Leben erzählt die spannendsten Geschichten. So ist es auch bei dieser wahren Geschichte, die dem Film zugrunde liegt. Im Jahr 1974 starten Erhard Schelter und ein Freund einen Fluchtversuch aus der DDR. Sie entscheiden sich, circa 30 Kilometer durch die Ostsee zu schwimmen und so das Gebiet der Bundesrepublik zu erreichen. Trotz des Wissens um die möglichen Gefahren, seien es die bewaffneten Grenztruppen, die auch von der Waffe Gebrauch machen oder der mehrjährigen Haftstrafe, die ihnen droht, falls sie aufgegriffen werden, wagen beide die gefährliche Flucht durch das 11 Grad kalte Meer. Doch was treibt Menschen dazu, solch einen Schritt zu wagen? Frau und Kind zurückzulassen in dem Bewusstsein, sie mehrere Jahre nicht zu sehen. "Über das Meer" ist mehr als die Rekapitulation einer Flucht, wie man sie aus diversen TV-Dokumentationen kennt. So wird nicht nur die dramatische Flucht erzählt und nachgestellt, sondern auch die Geschehnisse, die dazu führten, dass Erhard Schelter in Absprache mit seiner Frau diesen Weg nahm.

Es ist die scheinbar normale Geschichte eines jungen Mannes, der seine Jugend in der DDR der fünfziger und sechziger Jahre verbrachte. Nicht sonderlich angepasst, aber bei weitem nicht oppositionell eingestellt, spürt er die Eingriffe des Staates in die Persönlichkeit. Ist es anfangs noch die spießbürgerliche Einstellung der "Oberen" gegen das Tragen von Jeans, so wird ihm zunehmend der Weg zu seinem Traum versperrt. Er möchte zur See fahren, wird aber mehrmals abgelehnt aus politischen Gründen – zu unangepasst! Er wird von der Stasi als inoffizieller Mitarbeiter angeworben, liefert jedoch keine Informationen und gilt als unverlässlich. Nach einem Angriff der Stasi auf sich und seine Familie fällt dann der Entschluss zur Flucht.

Dieser Film erzählt stellvertretend das Leben in der DDR, wie es für viele gewesen ist. Permanente Bevormundung, die den Menschen nur die Wahl zwischen Angepasstheit oder dem Ertragen willkürlicher Sanktionen gelassen hat. Ein Staat, der die Zufriedenheit aller propagierte und die Menschen in vielen Situationen einfach nur gängelte, teilweise ohne offensichtliche Gründe. Die Stärke von "Über das Meer" ist nicht die spektakuläre Flucht, sondern das Porträt eines Mannes, der nicht weggehen wollte, aber schließlich keine andere Möglichkeit sah.

Fazit: "Über das Meer" ist eine spannende Dokumentation, die mehr erzählt als die dramatische Flucht eines Mannes. Der Film zeigt, wie es zu der Entscheidung zur Flucht kam.




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