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Kritik: Julia (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Julia" von der Filmemacherin und Fotografin Johanna Jackie Baier ist die ungewöhnlichste Doku seit Langem, die den Weg in die deutschen Kinos geschafft hat. Es handelt sich bei dem Film um ein kräftezehrendes Langzeit-Projekt. Unglaubliche zehn Jahre lang begleitete die Filmemacherin die aus Litauen stammende Transsexuelle Julia durch die Höhen und Tiefen ihres Alltags und kreierte daraus den schonungslos-ehrlichen Film "Julia", der gleichzeitig schockierende Milieu-Studie und intimes Charakter-Porträt ist.

Vor zehn Jahren begegneten sich Julia und Baier in einem Berliner Club. Die Fotografin war sofort begeistert und angetan von der schillernden Persönlichkeit und dem exzentrischen Leben, das sie führt. Julia erlaubte ihr schließlich, sie mit der Kamera auf Schritt und Tritt zu begleiten. Und so zeigt der Film auch das wahre Ausmaß des tagtäglichen Überlebenskampfs der Transsexuellen zwischen erkauftem Sex, Drogen und Alkohol. "Julia" ist dabei, wenn die Protagonistin sturzbetrunken über die Straße stolpert, wenn sie sich bekifft und zugedröhnt auf den Weg zum nächsten Kunden macht und ist sogar Zeuge, als sie einen ihrer Freier im Auto oral befriedigt. Die Kamera folgt Julia in heruntergekommene Stehkneipen und Szene-Clubs der Stadt, in dreckige Porno-Kinos und ranzige Spelunken.

Julia ist eine ums Überleben kämpfende Straßenhure, ein Outlaw und Freak am Rande der Gesellschaft, der Unterschlupf bei einem älteren Mann gefunden hat, der sie in Ruhe lässt. Diesen alten Mann, bei dem sie in den ersten Jahren untergekommen ist, pflegt sie in der Zwischenzeit, da er an Alzheimer erkrankt ist. Dabei macht der Film aber auch immer wieder deutlich, welch komplexe Persönlichkeit in ihr schlummert. Julia ist zwar exzentrisch, egoistisch, laut, schrill, hat ein Problem mit Autoritäten und ist extremen Stimmungsschwankungen unterworfen - aber sie ist eben auch hochintelligent und gebildet. Sie spricht ein Deutsch aus dem frühen 19. Jahrhundert und malt in ihrer Freizeit gerne Aquarell-Bilder. Diese ambivalenten Seiten machen den Reiz der schillernden Person und damit auch der Doku aus. Allein für den Mut, ein solches Langzeit-Projekt anzugehen, gebührt der Regisseurin Respekt. Für die tadellose Umsetzung noch mehr.

Fazit: "Julia" ist ein intimer aber auch schonungslos-radikaler und offener Seelen-Striptease einer schillernden Person, die am Rande der Gesellschaft ums Überleben kämpft.





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