VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
In Sarmatien
In Sarmatien
© Salzgeber & Co

Kritik: In Sarmatien (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für seine neueste Dokumentation "In Sarmatien" kehrte Regisseur Volker Koepp, einer der profiliertesten Doku-Regisseure Deutschlands, nach Osteuropa zurück, das er bereits vor über 40 Jahren für seine ersten filmischen Gehversuche durchstreifte. Werke wie "Grüße aus Sarmatien" (1972), "Kurische Nehrung" (2001) oder "Dieses Jahr in Czernowitz" (2003) machten die große Verbundenheit von Koepp mit Land und Leuten Osteuropas deutlich Schon damals rückte er durch die Befragung von Vertriebenen, Angehörigen jüdischer Minderheiten und Zeitzeugen die Themen Flucht, Vertreibung und Heimat ins Zentrum seiner Filme.

"In Sarmatien" macht da keine Ausnahme und reiht sich problemlos in das großartige Werk Koepps ein, das sich durch Tiefe, Einfühlungsvermögen und Sensibilität auszeichnet. "In Sarmatien" ist wie die früheren Dokumentationen Koepps ein ebensolch ruhiger, gefühlvoller Film geworden, immer mit großem Gespür für die Stimmungen und Ansichten seiner Interviewpartner, auf die Koepp gewohnt behutsam eingeht. Für "In Sarmatien" kehrte er zurück in eines der geheimnisvollsten Gebiete Europa: Nach Sarmatien, jenem Landstrich in der ehemaligen Mitte Europas, der östlich der Weichsel und westlich der Wolga verläuft und von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reicht.

Den Namen "Sarmatien" erhielt die Region bereits vor tausenden von Jahren wahrscheinlich in der Spätantike von den Griechen und Römern. Für "In Sarmatien" reiste Koepp quer durch die Republik Moldau, Weißrussland, Litauen, Moldawien und die Ukraine und befragte die dortigen Bewohner, die sich an die wechselvolle Geschichte des Gebietes erinnern: Krieg und Flucht, Heimatverlust und Widerkehr. Dabei kommen im Film auch immer wieder Personen vor, die bereits in den früheren Werken Koepps auftraten. Es ist spannend zu sehen, was aus den jungen Menschen von damals geworden ist, wie sie ihr Leben gelebt haben und wo bzw. in welchen Teilen der Welt sie sich auf die Suche nach Glück und Erfüllung begaben.

Von Beginn an bis zum Ende des Films durchzieht "In Sarmatien" ein wehmütiger, elegischer Wind, der sich vor allem durch die eindringlichen Natur-Bilder und epischen Aufnahmen der wunderschönen Gegenden und Landschaften ausdrückt. Koepp nutzt lange Einstellungen und wenig Schnitte, um dem Zuschauer die raue und winterliche Region zu präsentieren, die eine mystische Aura umgibt. Der Film zeigt dabei immer wieder auf, wie sehr die Gegend mit der Viehzucht und dem Ackerbau verbunden ist, ja in weiten Teilen davon lebt. Die Kamera durchforstet die schier endlosen Weiten der Ebenen mit ihren entlegenen Feldern und Äckern und zeigt auch die Flüsse und die unwegsamen Hügel-Regionen des Gebietes. Dann bekommt der Zuschauer einsam gelegene Dörfer und Kleinstädte zu Gesicht, deren Häuser kurz vor dem Zerfall stehen.

Dabei wird immer wieder deutlich, wie verlassen der Landstrich doch ist, eine Stimmung von Verfall und Zusammenbruch entsteht. Dies bestätigen die Aussagen der befragten Bewohner und Ex-Bewohner Sarmatiens: So begegnet er etwa in Moldawien der jungen Filmemacherin Ana, die von einem Dorf berichtet, in dem fast nur noch alte und junge Menschen wohnen. Die Menschen mittleren Alters hätten das Gebiet längst verlassen und ihr Glück z.B. in Spanien, Deutschland oder Italien versucht. Fast identisches erzählt die aus der Ukraine stammende Tanja, die schon in Koepps Film "Dieses Jahr in Czernowitz" zu sehen war. In jenem Film sprach sie noch davon, auf jeden Fall in der Heimat bleiben zu wollen, doch inzwischen lebt sie wie die meisten ihrer Generation im Ausland und kommt nur noch sehr selten in ihre Heimatregion zur Familie. So entsteht das melancholische Bild einer Gegend, die langsam aber sicher auszusterben droht.

Fazit: Melancholische, tiefsinnige Reise in eine mystische, fast vergessene Region Europas, die durch die sensibel geführten Gespräche und die eindrucksvollen Natur-Bilder besticht.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.